Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1850)
- Date
- 1850-03-25
- Page
- Seite 169 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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169 eine Anstalt von einzelnen Personen abhängig bleiben, muß sie nicht in sich selbst die Sicherheit barbieten, so daß ihr auch, wenn es nöthig ist, neue Kräfte zugeführt werden, welche, noch nicht mit ihr verwachsen, sich erst in sie einzuleben haben? Worauf beruht nun die Zuversicht einer solchen festbegründeten Zukunft? Die Hoffnung auf den Staat erscheint nunmehr wieder in weite Ferne gerückt; die Gesammtgemeinde bietet für jetzt Nichts, die Kultusgemeinde nur für eine kurze Dauer, und diese beiden Gemeinden selbst, wie schwankt ihr Schifflein unsicher umher in dem großen Strome der Zeitbewegungen, unkundig des Hafens, in den es einziehen soll! Und dennoch, wer die Bedeutung einer solchen Anstalt anerkennt, nicht blos für seine eigenen Kinder — denen er vielleicht, wenn auch keineswegs zu genügendem Ersätze, Privatunterricht ertheilen lassen kann — sondern für die gesammte Zugend der Gemeinde, um die hier ein religiöses Band geschlungen wird, wer da einsieht, daß das Dasein schon eines solchen Instituts der sprechendste Ausdruck einer wahrhaft religiösen Gemeinschaft, daß es in seiner Wirksamkeit die wahrhaft religiöse Pflanzstätte ist, der muß auch den lebhaften Wunsch in sich tragen, dieser Anstalt eine unabhängige feste Dauer zu sichern. Ein solches Institut muß fundirt werden, schon um der Armen willen, die unentgeltlich in ihm unterrichtet werden, mehr aber noch um der Festigkeit willen, die durch solche den Einzelnen überdauernde Bestimmungen erzielt wird. Ich gebe mich der Hoffnung freudig hin, daß der religiöse Sinn edler Gemeindeglieder sowol schon während ihres Lebens als auch bei ihren letztwilligen Verfügungen durch Geschenke und Vermächtnisse an die Anstalt ihr eine bleibende Dauer verbürgen werde. Oft ist es nur nöthig, einen angemessenen Gedanken anzuregen, um einen glücklichen Erfolg zu erzielen. Denn trotz allen unerfreulichen Erfahrungen, welche die letzte Zeit darbietet, bleibt mir das prophetische Wort eine Wahrheit: „Mein Geist, der auf dir ruht, meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt, sie werden nicht aus deinem Munde weichen, nicht aus dem Munde deiner spätesten Geschlechter, spricht Gott, von nun an bis in Ewigkeit" (Jes. 59, 21.). Der religiöse Sinn, die Theilnahme an den religiösen Angelegenheiten des Judenthums, welche in den letzten zwei Jahrzehnten allmälig erstarkt waren, die Innerlichkeit in ihrem ernsten Sehnen, dem gemächlichen Bedürfnisse auch in entsprechenden religiösen Institutionen und Formen eine wahre Befriedigung zu gewahren, sie haben sich in neuerer Zeit wieder sehr verflacht, die Tiefe des Gemüthslebens ist von der Aeußerlichkeit sortgespült. Zu einer kräftigen That, welche in unseren Zuständen so Noth thut, .ist weder Muth noch Ernst vorhanden. Der verwaiste Gottesdienst erfreut sich nicht der energischen Heilung, und werden umsichtig erwogene Heilmittel dargeboten, so werden sie gleichgiltig oder mit Unbehaglichkeit zur Seite gelegt, weil es am Ernste zur Prüfung und an der Kraft zur eigenen Neugestaltung fehlt. Bei den Einen macht der träge Schlendrian, bei den Anderen die Hohlheit mit ihrem selbstgefälligen Dünkel über aller Religion und aller geistigen Bedürftigkeit erhaben zu sein, sich breit bis zum Ekel. Nachdem die wahre und affektirte Begeisterung für Menschenrecht und Freiheit abgckühlt ist und die wohlfeile Phrase nicht mehr der Eitelkeit ein Genüge giebt, hat man es ganz unnöthig gefunden, sich noch für Etwas zu begeistern und überhaupt dem Geiste ein Recht einzuraumcn. Mit einer wahren Wuth stürzt man sich in die lange entbehrten Vergnügungen, und der gesunde Frohsinn steigert sich zu verzehrendem sinnlichem Feuer. Diese Krankheit der Zeit ergreift die Juden um so mehr, als nun endlich die Geselligkeit, nicht beschränkt durch konfessionelle Engherzigkeit, auch ihnen ihre gastlichen Tempel öffnet, und als unter ihnen ein herkömmlicher Standeunterschied, der einen jeden Stand vor Ueberspringung natürlicher Grenzen wahrt, nie ftattgefunden hat. Dieser Uebclstand hat nun einen höchst traurigen Einfluß auf die Erziehung der Jugend. Die Erziehung der Gegenwart ist eine durchaus äußerliche geworden. Nicht Bildung des Geistes und Charakters wird angestrebt, sondern der äußere Schein der Bildung und die gesellschaftliche Turnüre; oberflächliche Vielwisserei, Bollpfropfen mit allerhand Dingen, die niemals verdaut werden, und vorzüglich frühzeitiges Erlernen nicht des Nützlichen und Ertüchtigenden, sondern dessen, was salonfähig macht, ist unter allen Klassen herrschender Ton. An dieser Verkehrtheit tragen die beiden Extreme die Schuld: die Pedanterie, welche das Veraltete mit einer komischen Gründlichkeit aufrecht erhalt, und die Frivolität, welche nach dem Allerneuesten hascht. Auf der einen Seite muß die Jugend an dem Buchstaben und Knochen-