Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1850)
- Date
- 1850-03-25
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Magdeburg, 18. März. Briefe über Religiöses und Theologisches. I. Mein Freund! Wer nicht mit beiden Füßen in der Gegenwart steht, sondern sich daran gewohnt, oder auch es sich erworben hat, die Erscheinungen der Zeit von dem Hetzern Standpunkte der geschichtlichen Entwickelung des Menschengeschlechtes zu betrachten: der hat jedenfalls den großen Vortheil, daß ihn so leicht Nichts entmuthigt. Der weiß, daß die Menschheit fortwährend in der Arbeit begriffen ist, und daß über alles plumpe Eingreifen zeitlicher Gewalten, zeitlicher Erscheinungen, zeitlicher Stimmungen der ruhige Geist der Idee hinweghilft, indem er ununterbrochen darüber schwebt und webt. Lassen Sie mich es aussprechen, mein junger Freund, mich, der jetzt schon auf der Akme seiner irdischen Laufbahn steht, und die Sonne seines Lebens im Zenithe erblickt — lassen Sie es mich aussprechen, weil ich es gern, weil ich es freudig ausspreche: je mehr ich erfahren habe in den zwanzig Jahren meines unausgesetzten Strebens und Wirkens, desto unerschütterlicher wird meine Zuversicht auf die göttliche Vorsehung, welche das Werk der Menschheit leitet; und je bestimmter sich vor dieser Anschauung die Dinge, die geschehen sind und geschehen, zurechtlegen, desto zweifelloser wird diese Ueberzeugung mir, und desto ruhiger blicke ich in die Zukunft. Nur muß man niemals vergessen, daß der Standpunkt, den das liebe Ich einnimmt, so sehr man auch strebt, ihn zu einem so allgemeinen wie möglich zu machen, doch immer nur auch ein Standpunkt auch einer vorübergehenden Zeit ist, so daß man ihm auf dem großen Pfade der Menschheit nicht mehr, aber auch nicht weniger Berechtigung zuschreiben darf, als jedem andern Standpunkte der Vergangenheit. Das ist ja eben der ewige Jrrthum der Jugend, daß sie mitleidig auf Alles, was „gewesen" blickt, und ihr für „verweset" gilt, und darum keck der ganzen Vergangenheit des Menschengeschlechtes den Handschuh in das Angesicht wirft. Es ist derselbe Jrrthum, der ihren Gegnern einwohnt, welche die Berechtigung allein nach der Zahl der Jahre zugiebt, die über das Grabmonument des Verstorbenen hinweggegangen. Lassen Sie mich daher auch das sagen, und Sie werden es für keine Prahlerei halten: ich kenne weder Furcht, noch Schmerz — ich meine natürlich in den allgemeinen Angelegenheiten. Ich fürchte die Zukunft nicht, sei ich individuell von welcher Ansicht es sei, wäre ich Reaktionär oder Demokrat, wäre ich Konservativer oder Reformer, weil mir über meiner persönlichen Ansicht das steht, was die Menschheit erreichen wird, weil ich dies jedenfalls für höher und besser erachte, als das Vergangene. Versteht sich, daß ich dabei nicht nach Jahren und nicht nach Jahrzehenden zähle. Aber es schmerzt mich auch nicht, wenn ich irgend ein Bestreben vereitelt, den Inhalt irgend einer Zeit aufgelöst und verschwinden sehe, weil ich weiß, daß sich sicherlich unterdeß ein Neues angeknüpst, angesponnen hat, das großen und allgemeinem Werth hat, wenn ich es auch vor dem Drange des Augenblicks noch nicht erkannt haben sollte. Rufen Sie, wenn Sie dies gelesen haben, nur nicht aus: das ist ja Fatalismus! Es ist dies nicht. Es ist die wahre und die ganze Ueberzeugung von der göttlichen Vorsehung und von der allgemeinen Vernunft im Werke der Menschheit. Ja, die Summe der menschlichen Erkenntniß, der menschlichen Arbeit, der menschlichen Erfolge, so sehr diese auch in den Parteien und dann wieder in den Individuen auseinanderlregen und sich vertheilen, die Summe derselben ist von der Wahrheit und dem Rechte und dem Rechten niemals entfernt, und das nenne ich — die Vernunft der Menschheit; und daß sie davon nicht entfernt ist, das ist das Werk der göttlichen Vorsehung, welche durch Schöpfung und Weckung der Geister und Verkettung der Ereignisse in die Menschheit eingreist und ihre Entwickelung leitet. Nennen Sie dies auch nicht Optimismus. Es wäre dies ein zweiter Jrrthum. Denn gerade vor dem Richterstuhle dieser Ansicht gilt das Bestehende nur als ein zukünftig Abtretendes, und das Werdende als ein zukünftig Geltendes; gerade vor dem Forum dieser Ansicht ist alles Zeitliche und alles Oertliche nur eine sehr theil- und stückweise Offenbarung der Wahrheit und des Rechtes, und gilt nicht mehr 'und nicht minder als dieses. Sie erwarten nun die Anwendung dieser Allgemein- I satze auf die gegenwärtigen jüdischen Zustande. Diese soll auch nicht ausbleiben. Fortsetzung folgt.)