Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-03-11 · Heft 11 (11.3.1850) · p. Seite 151

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 11 (11.3.1850)
Date
1850-03-11
Page
Seite 151 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225660-3225672--10857-3240928
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

151 zum Gefangenen erklärt, sondern sofort geschlossen Ln den scheußlichsten Kerker geworfen, und der Prozeß instruirt. Die Lage war schlimm für den Rabbi. Der allgemeine Ruf, der ihm Übernatürliches zuschrieb, die Aussage des Denunzianten, daß ec ihn aufgefordert, ihm zur Herrschaft über die Geisterwelt zu verhelfen, die verworrene Vertheidigung des Rabbi, welcher, selbst unter den.Einflüssen des Aberglaubens stehend, seine anfängliche Behauptung, nur des Studiums wegen diese Dinge getrieben zu haben, nicht konsequent durch^ührte, und viel zu viel zugab — alles dies bereitete ihm ein trauriges Schicksal. Sobald der Prozeß so weit gediehen war, wurde der Rabbi von aller Mittheilung nach außen abgesperrt, und selbst die unglückliche Sara an der Pforte des Gefängnisses abgewresen. Ja, es wurde ihr kund gegeben, daß der Prozeß ihres Vaters in das zweite Stadium eingetreten, und er binnen eines Monats auf die Folter kommen sollte. Welche Verzweiflung im Herzen der Tochter! Ach, wie gern hatte sie jetzt selbst dem elenden Jonathan ihre Hand geopfert, wenn damit die Anklage zurückgenommen werden konnte. Der ruchlose Bachur suchte geflissentlich ihr zu begegnen, um sie sein triumphirendes Lachen hören zu lassen. Doch bald fühlte er selbst bereits die Folgen seiner That. Die Juden wären freilich zu furchtsam, um etwas Erkleckliches für ihren Rabbi zu unternehmen; sie fürchteten, der Verdacht der Zauberei würde bald auf sie Alle ausgedehnt werden — aber desto Heller schlug ihr Grimm gegen den Verrather auf. Ausgeschlossen ward ec aus aller Gemeinschaft; wo er erschien, wich man ihm aus; der Speisewirth wies ihn zur Thüce hinaus; in der Synagoge leerte sich die Bank, wo er sich niederlassen wollte; im Bet hamidcasch trafen ihn die Ellenbogen alleö Bachurim dermaßen, daß er sich sofort vor der Pforte befand. Einige Tage hielt er es aus, dann lief er spornstreichs zum nächsten Pfarrer, um sich taufen zu lassen. Aber, da seine That ruchbar geworden, wies ihn auch dieser ab: erst müsse er sich von der Treulosigkeit gereinigt haben. Er verließ die Stadt, und man hörte nie wieder Etwas von ihm. Der Prozeß ging weiter; schon war der Tag der Folterung bestimmt. Sara lief verzweifelnd von Richter zu Richter. Die meisten waren schon aufgeklärt genug, um den Rabbi höchstens als einen Schwärmer zu bemitleiden: aber was vermochten sie zu thun? sie mußten dem Buchstaben des Gesetzes Genüge thun, die Beweise waren zu schlagend. Sie versprachen ihr, dem Rabbi zuzureden, Alles zuzugestehen, um der Folter zu entgehen, das Urtel würde dann freilich auf den Tod durch den Scheiterhaufen lauten, aber vielleicht daß der Fürst Gnade ertheilte. Da kam die Rettung von oben. Es war Krieg ausgebrochen; die Preußen rückten in das Städtchen ein, die Preußen, deren Thron soeben von dem erleuchteten Friedrich bestiegen war. Sara eilte zum Befehlshaber der Schaar, welche die Stadt besetzt hatte. Dieser interessirte sich für die Angelegenheit, sie reizte seine Neugier. Er ließ den Rabbi vor sich kommen, befrug ihn über die Versuche, die er etwa zu zaubern schon unternommen, und als dieser sich hiervon gänzlich reinigte, und die ganze Anklage aus ihrem wirklichen Beweggründe nachwies — befahl er ihm, sofort die Stadt zu verlassen, da er nicht wissen könne, wie lange er hier den Befehl führen werde. Wie selig waren Vater und Tochter, als sie sich wieder in den Armen hielten! Schnell waren die wenigen Habseligkeiten, die sie mitnehmen konnten, zusammengerafft; die Gemeinde unterstützte den Rabbi mit einigem Gelde — und so verließen sie mitten im Kriegsgetümmel den Ort, wo sie so friedlich gelebt, wo die Gräber ihrer Lieben sich befanden. Ach, es ging ihnen lange Zeit traurig. Die schwierigen Ieitverhaltnisse schreckten die Gemeinden ab, einen Rabbi anzunehmen; der Krieg brachte Verarmung zuwege, so daß auch die Unterstützungen spärlich flössen. Aber was that's, Vater und Tochter hatten sich doch, und ertrugen die härtesten Entbehrungen mit einander. Es war ein Sommernachmittag, heiß, schwül; der Greis schwankte am Wanderstabe, die Tochter unterstützte ihn. Fern am Himmel zogen sich dunkle Wolken zusammen, kündend ein schweres Ungewitter. Ferner noch war der nächste Zufluchtsort. Zagend schauten unsere beiden Wanderer nach dem Horizonte, denn Sturm, Regen, Blitz drohten sie zu treffen. Und immer näher kam es. Schon vernahm man das Rollen des Donners; schon erhob sich der Wind, und beugte die Wipfel der Baume, und warf die hohen Halme der Saaten wogend unter einander; einzelne schwere Tropfen fielen nieder. „Herr, wie wird es uns ergehen!" seufzte der Rabbi. „Hab' nur Muth," hauchte das schwache Mädchen, aus dessen Auge sich nicht minder schon die Tropfen drängten, „Hab' nur Muth, theurer Vater, es wird vorübergehen." „Ja, vorübergehen, aber wie wird es uns zurücklassen?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.