Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1850)
- Date
- 1850-02-25
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
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112 gewiß auch nicht) dies Thema weiter auszuführen und schließe mit jenem Dichter: „Doch das Schrecklichste der Schrecken Ist der Mensch in seinem Wahn!" W. Aus dem Großherzogthnm Posen, im Februar. (Privatmitth.) Ihr Leitartikel in No. 3 Ihres geschätzten Blattes hat wirklich einen großen Anklang in den Herzen der hiesigen Israeliten gefunden. Die eigne gefühlte, sich völlig bewußte Würde, die Mißachtung aller Schändlichkeilen, die von gewisser Seite her uns zu Theil werden, das kräftige Bewußtsein unserer großen weltgeschichtlichen Bedeutung, endlich die Resignation, das ist es, was in unseren israelitischen Herzen jetzt Wiederhall findet. Denn man erwartet hier von der Zukunft durchaus nichts Erfreuliches. Die Emanzipation wird auf dem Papiere bleiben, aber nicht zur Wahrheit werden. Denn was sollte uns berechtigen, frohe Hoffnungen zu hegen? Was darf der Jude von einem Systeme erwarten, das seine Stützen in der höchsten Aristokratie sucht? Wäre es da nicht thöricht zu glauben, man werde dem Juden lassen, was man ihm im Drange des Augenblickes gegeben? Noch ist nur die Zeit nicht da, wo man damit hervorzutrcten wagt. Und darin, scheint uns, liegt eine große Anerkennung der Wichtigkeit der jüdischen Frage, daß man so spät erst Hand daran zu legen wagt. Man weiß zu gut, wie tief diese Frage in die Prinzipien der Gegenwart eingreift, wie innig diese Letzteren mit dem Rechte der Emanzipation verknüpft sind. Man weiß, daß der Jude bereits vom größten Theile des Volkes emanzipirt ist, daß er sich bereits selbst emanzipirt hat, man weiß also, daß die Beugung dieses Rechtes auch auf nichtjüdischer Seite Entrüstung erzeugen würde. Man weiß, daß cs die höchste Verleugnung der Gegenwart hieße, auch dieses letzte Erzeugniß derselben hinwegzunehmen. Man weiß, daß die Emanzipation nicht als ein vereinzeltes Recht dasteht, sondern daß cs untrennbar mit allen Forderungen der Gegenwart verbunden ist. Aber nichtsdestoweniger wird unser Recht gebeugt, unsere anerkannte Forderung unberücksichtigt gelassen werden. Es ist freilich traurig, dies zu sagen, allein nach Allem was wir gesehen und gehört haben, müssen wir es sagen. Gebe der Himmel, daß unsere Befürchtungen grundlos wären. Aber es kann ohne Nutzen nicht sein, früher darauf hingedeutet zu haben. Denn wir fragen: Was ist uns geblieben aus der schönen Zeit der Hoffnungen, deren nahes Ende alle Symptome vcrrathen, wenn das in der Ferne sich thürmende Ungewitter hereinbricht? O! da hat die neue Zeit uns einen großen Gewinn gebracht, den keine Gewalt der Erde uns rauben kann. Das ist der in uns mit neuem Leben erwachte Urgeist des Judcnthums! Bisher war es die todte Form, der Buchstabe, woran sich der Israelit mit aller Macht kettete, als der äußere Druck ihn niederbeugte. Mil aller Macht seines tieffühlenden Gcmüthes umfaßte er die Zeremonieen seine Religion, hauchte ihr Geist und Leben ein, erlernte daran sich über seine Unterdrücker zu erheben, Ersatz zu finden für Alles, was Tyrannei und Fanatismus ihm genommen, und das, was ihm geblieben, freudig selbst für seinen Glauben hinzugcben. Das freilich hat die Neuzeit gebrochen; diese Stütze ist morsch geworden, der todte Buchstabe hat seine Kraft zugesetzt, denn der Israelit strebt die Zeit zu begreifen, in sich auszunehmen und wirken zu lassen. Aber eben deshalb ist ihm eine neue Stütze erwachsen, stark und voll jugendlicher Kraft zur Wirksamkeit, die eigentlich wahre Stütze. Wie ein Phönix ist der Geist des Judenthums aus den Trümmern der Orthodoxie erstanden, mit neuer Kraft ringt er sich durch alle Erschütterungen der Gegenwart, durch alle Stürme des Unglaubens und der Zweifelsucht, und schlingt ein kräftiges Band um alle seine Bekenner. Dafür zeugt das rege Leben und Streben in allen Gemeinden, ihre Institutionen zeitgemäß cinzurichten, das Aufblühen neuer Gemeinden unter allen Himmelsstrichen u. s. w. Mehr aber noch wird dies begründet durch eben das wüthende Geschrei gewisser Sekten gegen die Emanzipation. Diese herrliche Bewährung der Urkraft des Geistes im Judenthum hat seine Bekenner mit neuer Wärme, mit neuem Muthe, mit neuer Hingebung erfüllt. Fanden sie in ihm denn nicht den Urquell aller der Ideen, um derentwillen die Kämpfe der Gegenwart entbrannt sind? Liegt in ihm nicht auch die Lösung aller großen Fragen? Sind in den Staatseinrichtungen des Alten Testamentes nicht die Ideen der Freiheit und Gleichberechtigung, so weit es in jenen Zei- * ten thunlich war, ausgenommen? Inwieweit dieselben