Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1850)
- Date
- 1850-02-25
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
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110 sendjährigen Gemeinde Jeschuruns sich lossagen wollen, gehen ~~ ich denke, sie werden bald wieder kommen. Der Bestand der freien Gemeinde beruht lediglich — auf Opposition. Lastet die Verhältnisse sich ausgleichen, lasset von Seiten der Regierungen die Einmischung in das Religionswesen schwinden, und die Opposition Hort auf, und mit ihr die freie Gemeinde. Die Sache hat eine ernste Seite nur in den jüdischen Gemeinden, in welchen sich der finstere Geist der hartnäckigsten Orthodoxie herrschend erhält, die sich ganz und gar den Forderungen und Strebungen der Zeit verschließen, und die ein freisinniges Gemeindewesen, in welchem die Gemeinde ihre Stimme geltend machen kann, von sich weisen. In solchen Gemeinden, aber nur in solchen, kann der Austritt zu einem wahren Bedürfniß werden — und solche Gemeinden mögen sich vorsehen! Zeitungsnachrichten. Deutschland. Aus dem schlesische Gebirge, 13. Februar. (Privatmitih.) Wenn wir auch über die Zeit der Wunder hinaus sind, wenn uns wenigstens auf Erden Nichts mehr befremden kann, so verdient doch folgendes Faktum, das für die Verirrung und Verwirrung unserer Zeit einen unzweideutigen Beleg liefert, in das Licht der Oeffentlichkeit gestellt zu werden, damit den Betheiligten über den himmelschreienden Verrath am väterlichen Glauben, wenn anders alles sittliche Ehrgefühl in ihnen noch nicht erstickt ist, die Schamröthe aufsteige; die Besseren unter uns aber, vor den Folgen des Mangels an religiöser Bildung der Maste zurückschrecken und keine Opfer zur Gründung und Unterhaltung geeigneter Anstalten scheuen mögen, um einen derartigen Glaubensverrath oder — besser — Maubensverhöhnung, die sich für Toleranz, Aufklärung, Bildung und Gott weiß für was noch ausgiebt, in Israel nicht wieder zu erleben. Doch man höre! In der Gebirgsstadt L. lebt eine Judenfamilie Namens C. Im materiellen Leben versunken und nach nichts Höherem, wenn nicht etwa nach höherem Zinsfuß, Bedürfniß fühlend, glaubte die, eben nicht an Ueberbildung leidende Frau einen Beweis ihrer wahren Bildung und Aufklärung (welche Beide seither leider allgemein bezweifelt worden) an den Tag zu legen, indem sie ihre etwa 14jährige Tochter in das Kloster S. brachte, um sie der dasigen Lehr- und Pensionsanstalt zu übergeben. Der Pfarrer, ein redlicher Mann, stutzte, verhehlte nicht sein Befremden darüber und stellte der Mutter offenherzig vor, wie alle Pensionärinnen nach einer gewissen Ordensregel geleitet,- zu Rosenkranz- und Meßgebeten, wie zum täglichen Besuche des Hochamtes in der Klosterkirche, überhaupt zu allerlei spezifisch katholischen Zeremonieen angehalten werden und verpflichtet sind, was doch ihr, als Jüdin, die wol auch die Tochter dem Judenthume erhalten wissen will, nicht angenehm sein, oder selbst das Gewissen unzart berühren könnte, „weshalb sie ihr Begehren noch einmal in reifliche Erwägung ziehen, oder ihr Kind lieber zu einer der vielen jüdischen Familien des Orts in Quartier und Kost geben möchte." — So sprach der ehrenwerthe Pfarrer. Und was sagte die gebildete und aufgeklärte Frau dazu? — „Wir haben ja Alle nur einen Gott, lieber Herr Pfarrer, und cs ist mir ganz gleich, nach welchen Zcremoniecn mein Kind denselben anbetet, wenn sie nur fern von jüdischem Umgänge bleibt und mir recht gebildet wiederkommt." Daß der Pfarrer gern darauf einging und sich endlich über die gebildete und aufgeklärte Frau recht freute, bedarf wol keiner Versicherung. — So handelt eine jüdische Mutter, die um Alles in der Welt für gebildet und zwar hochgebildet gelten will, so koquettirt man mit der Kirche und ihren Dienern, so tändelt man mit des Kindes Seelenheil, begeht den empörendsten Verrath an demselben, verhöhnt den Glauben, beschimpft die Glaubensgenossen, tritt mit sich selbst in den lächerlichsten Widerspruch — Alles, um nur für gebildet und aufgeklärt gehalten zu werden! — Freilich geschah das inmitten einer Gemeinde, wo der religiöse Boden noch der Urbarmachung harret, ja wo man sogar mit einem gewissen Wohlgefallen das mittelalterliche Unkraut alle etwaigen Saaten im Gottesdienst und Gemeindeleben überwuchern sieht, um ja den Nachkommen kein besseres Vermächtniß zu hintcrlaffen, als man es selbst überkommen hat; — doch das e rklärt nur, beschönigt aber keineswegs die begangene Unthat. Sie ist aus den niedrigsten Beweggründen hervorgegangen, und es hält wahrlich schwer, darüber nicht bitter zu werden, seinen gerechtesten, tiefsten Unwillen zu unterdrücken und dem übervollen