Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 8 (18.2.1850)
- Date
- 1850-02-18
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 sich ihnen mit ganzer Seele hin und muß, so zu sagen, als die rechte Hand des Präses betrachtet werden. Seiner praktischen Tüchtigkeit und bemerkenswerthen Ausdauer hat unsere Gemeinde gar Vieles zu verdanken. Indessen wissen die Gemeindemitglieder auch das Verdienst zu schätzen, was dadurch erhellt, daß sie die ihnen auferlegten Beitrage, welche, bei einer verhältnißmaßig geringen Zahl von Kontribuenten, nicht unbedeutend sind, mit Freudigkeit leisten, und daß sie bei einer Ende vorigen Jahres veranstalteten Neuwahl den Herrn Sanitätsrath Dr. Ehrlich einstimmig, und fast alle übrigen Herren des vorjährigen Vorstandes mit glänzender Majorität wiederum aus drei Jahre gewählt haben. Einen neuen Beweis hierfür lieferten sie am 29. November v. I. An diesem Tage feierte nämlich unser Obervorsteher sein 25jähriges Doktorjubiläum; einige Tage früher hatte er vom Könige den Sanitätsrathstitel erhalten, als ein allerdings sehr spät kommendes, und nur dem Geiste der Neuzeit erpreßtes Zeichen der Anerkennung seiner Verdienste, da ec während der ersten Eholera-Epidemieen in den Jahren 30 und 37 Ln Oberschlesien von Ort zu Ort, wo diese verheerende Seuche ausgebrochen war, zog, um mit aufopfernder Menschenfreundlichkeit und eigener Lebensgefahr sowol dem Militär als den Zivilisten, so weit es in seinen Kräften stand, Trost und Hilfe zu bringen. Bei dieser Gelegenheit nun ließ ihm die Gemeinde durch die übrigen Mitglieder des Vorstandes eine herrlich lithographirte und mit prächtigem Einbande versehene Adresse überreichen, die von sämmtlichen Gemeinde- Mitgliedern unterzeichnet war, und worin sie in zwar schlichten und einfachen, aber innigen und herzlichen Worten ihren tiefgefühlten Dank für seine Leistungen, wie nicht minder ihren Wunsch für sein ferneres Wohl und die Bitte aussprachen, er möchte noch lange seine Kräfte der Verwaltung ihrer Angelegenheiten weihen. — Nachdem wir bifyei das Nöthige über unsere Verwaltungsbehörde mitgetheilt, die früher, den schon genannten Obervorsteher und Rendanten abgerechnet, noch aus den Herren M. Böhm, I. Wahl, Dr. Gatewski, H. Pollak und L. Eckersdorff bestand, von denen jedoch die ersten zwei, die viele Jahre als Vorsteher in hiesiger Gemeinde gewirkt haben, bei der stattgehabten Neuwahl ausgeschieden und an deren Stelle die Herren I. Böhm, Sohn des Erstem, und A. Fränkel, nebst B. Blanzger und S. Sachs, als Stellvertreter, eingetreten sind, wollen wir, die Hoffnung hegend, daß die neuen Mitglieder ihre jugendlichen Kräfte ebenfalls zum Heile der Gemeinde anwenden werden, nunmehr zu unseren religiösen Instituten übergehen. — Unsere Synagoge ist ein freundliches, zur Andacht stimmendes Gebäude; leider sehen wir jedoch bei dem Sabbat-Morgengotresdienste (yvini m-ima) nur wenig Betende darin, da wie in mehren Städten der hiesigen Gegend der Wochenmarkt gerade am Sabbat trifft und die meisten Gemeindemitglieder daher gezwungen sind, sich in den Vormittagsstunden ihren Geschäften zu weihen, wenn sie den nöthigen Lebensunterhalt für ihre Familien erringen wollen. Aus diesem Grunde sieht sich auch unser Rabbiner, Herr Dr. Landsberger, genöthigt, seine religiösen Vortrage, welche beinahe an jedem Sabbat stattsinden und die bald in einer wohlgeordneten Predigt, bald wiederum in lehrreichen Bibelerklarungen bestehen, während des Nachmittagsgottesdienstes (nmn) abzuhalten. Diese Vorrrage haben sich zwar jetzt keiner bedeutenden Zuhörerschaft zu erfreuen, doch ist als Ursache hiervon nur die unfreundliche Jahreszeit, der starke Frost zu betrachten, wodurch sich ein großer Theil, vorzüglich das zartere Geschlecht vom Besuche der Synagoge abhalten läßt. An Feier- und Festtagen hingegen wird während des Morgengottesdienstes gepredigt, und an diesen Tagen finden wir natürlich die Synagoge immer gefüllt, weil da ein Jeder sich gedrungen fühlt, Herz und Geist zum Herrn zu erheben und sich durch das zu verkündende göttliche Wort erbauen und belehren zu lassen. Der Sabbatgottesdienst selbst wird, einige emgeschobene, vom Rabbiner an jedem Sabbat gesprochene, deutsche Gebete abgerechnet, ganz nach herkömmlicher Weise exekutict, nur für Feier- und Festtage sind einige Pijutim, so z. B. der bü, abgeschafft, und an deren Stelle zuweiten deutsche, ebenfalls blos vom Rabbiner zu sprechende Gebete gesetzt worden. Die Abschaffung dieser Pijutim ist aber nicht nur vom Rabbiner, sondern auch von einem durch den Vorstand eigends hierzu erwählten Kultuskomitö, dem der Elftere präsidirt, beliebt worden. Da dieses Konnte aus sehr achtbaren Gemeindemitgliedern, nämlich den Herren M. Böhm, einem würdigen 73jährigen Greis, der nebst dem Vorstandsmitgliede, Herrn H. Pollack, auch mit dem Amte eines Synagogeninspektors betraut ist, I.. Pollack, I. Landsberger und I. Wohl besteht, die mit gründlicher talmudischer Kenntniß Freisinnigkeit verbinden, und, namentlich die ersten zwei, als die Vertreter der Orthodoxie in unserer Gemeinde betrachtet werden, so stoßen natürlich die Veränderungen in dem Gottesdienste auf keinen Widerstand und der Friede wird daher in keinerlei Weise