Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 8 (18.2.1850)
- Date
- 1850-02-18
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 In der hiesigen Synagoge fand ein feierlicher Gottesdienst mit Predigt über Zesaias 30, 15. statt. Aus dem Großherzogthnin Posen, im Februar. (Privatmitth.) So wie jedes Ereigniß gute und schlechte Folgen nach sich zieht, so auch die jüngst errungene Emanzipation der Juden in unserm Vaterlande. Unberechenbar ist der Vortheil dieser Gleichstellung, aber mit diesen Vortheilen sind auch viele Nachtheile verbunden. Die Trennung von Staat und Kirche ist prinzipiell ausgesprochen, jede Religionsgesellschaft ordnet ihre Angelegenheiten selbstständig, ohne daß die Behörden sich in ihre Angelegenheiten mischen. Das Judenthum empfindet dieses Sichselbstüberlaffensein sehr schwer, namentlich in unserer Provinz. Da giebt es sonst herrliche und noch jetzt stark bevölkerte jüdische Gemeinden, denen der geistige Hirte, der Rabbiner fehlt. Rawicz, Krotoschin, Lissa, Wollstein waren stets Mustergemeinden. Ihre Rabbiner verbreiteten weithin jüdische Gelehrsamkeit, ihr Ruf drang durch ganz Deutschland. Wie ist es jetzt ganz anders. Ihre Kanzeln stehen verödet und verwaist, das Gotteshaus wird alltäglich mehr oder weniger besucht, an den Sabbat- und Feiertagen werden die Gebete hingetrillert, und nur Wenige verlassen dasselbe erbaut, aufgerichtet, gestärkt und gebessert. Wie sollte dies auch möglich sein? Die Gebete sind den Meisten unverständlich und das lautere Wort Gottes wird ihnen nicht vom Seelenhirten verkündigt, da dieser in ihren Geldseckeln ruht. Die Gemeinden sind sich jetzt nach Lage der Gesetzgebung selbst überlassen und es stellt sich leider heraus, daß dieselben nicht das Bedürfniß nach religiöser Belehrung fühlen. Wo nur irgend möglich wälzen sie das Joch des Rabbinen von sich ab, denn als Solches betrachten sie ihre Seelenhirten einerseits wegen des Geldersparnisscs und andererseits, da viele Rabbiner nicht derartig wirken, daß sie den Anforderungen der Gemeinde entsprächen. Wie betrübend, ja herzbrechend ist es, sonst blühende Gemeinden in völliger Auflösung begriffen zu sehen. Ein solches Bild bietet auch unter anderen die Gemeinde Wollstein, von der ich durch autentische Berichte in den Stand gesetzt bin, eine getreue Schilderung zu geben. Im Jahre 1848 verließ der bisherige Rabbiner dieser würdigen Gemeinde Herr vr. Hirjchfeld Wollstein, einem Rufe der gleiwitzer Gemeinde folgend. Nach seinem Abgänge sprach die Mehrheit dieser Gemeinde, wir wollen vorläufig keinen Rabbiner nehmen und stellte einen besoldeten Rabbinatsverweser in der Person des Herrn Moses Greiffenhagen an. Dieser würdige Mann und gediegene Talmudist sträubte sich diese Funktion zu übernehmen und zwar aus dem edeln Bewußtsein, daß, gewöhnt die Gemeinde sich erst längere Zeit ohne Rabbinen zu leben, sie nie mehr den Entschluß fassen wird "einen Solchen anzustellen; erst nach gegebener Versicherung, daß in kurzer Zeit ein Rabbiner angestellt werden solle, übernahm derselbe die Verwesung des Rabbinats. Mehr als ein Jahr verstrich und die Gemeinde verstand sich nicht dazu einen Seelsorger anzustellen, da legte Herr Greiffenhagen seine Funktion als Rabbinatsverweser in di« Hände der Gemeinde nieder, nachdem er derselben vielfach an's Herz gelegt hatte einen Rabbiner anzustellen, welches jedoch bis jetzt noch nicht geschah. So steht nun diese sonst so herrliche Gemeinde da, ohne daß Jemand ihr das Wort Gottes auf zeitgemäße Weise verkündet, ein greiser Dajon paßkent die Schales, es besteht in derselben keine Religionsschule zur Belehrung der Jugend. Ein großer Theil derselben genießt gar keinen Religionsunterricht, ein anderer von untauglichen Subjekten, nur ein sehr kleiner Theil erhält eine ordentliche Belehrung. Für die Kinder der Armen geschieht fast gar Nichts. Was soll aus dem Heranwachsenden Geschlechts werden. Die Jugend, welche die Stütze und Zukunft des Judenthums bildet, wird in Betreff der religiösen Belehrung auf eine gräuliche Weise vernachlässigt und das Alles, weil die Gemeinde sich selbst überlassen ist und zu sehr am Gelde hängt. Es wäre sehr zu wünschen, daß ein anderer Geist durch diese so zahlreiche Gemeinde ziehn und sie nicht vollständig, wie andere Gemeinden der Provinz, verfalle, daß sie nämlich einen tüchtigen Rabbiner anstelle. Ein weites, fruchtbares Feld bietet die Gemeinde für die Wirksamkeit eines treuen Geistlichen dar. Alle Institute blühen unter seiner väterlichen Leitung frisch und jugendlich auf, die Gemeinde wird durch ein gemeinsames Band zusammengehalten, der Gottesdienst durch ihn verherrlicht, die Jugend wie das Alter belehrt, gestärkt und aufgerichtet. Gleich einem treuen Gärtner wandelt der Geistliche in der Gemeinde umher, pfropft und okulirt die Stämme, legt Baumschulen an, hegt und pflegt sie. Geldopfer dürfen die An-