Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-02-04 · Heft 6 (4.2.1850) · p. Seite 77

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 6 (4.2.1850)
Date
1850-02-04
Page
Seite 77 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225660-3225667--10778-3240844
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

77 jüdischen Theologen in ihrer Mitte zählte, und deren theologische Stimmbefähigung durch die Nichtanerkennung einiger Mitglieder der planer Gemeinde schwerlich in Zweifel gezogen werden kann, noch eine sehr große, wo nicht weit überwiegende Anzahl deutscher Israeliten mit uns die Ueberzeugung theilt, daß der Thieropferdienst, gleichviel ob durch diese oder jene Theorie begründet, lediglich auf der frühern religiösen Stufe als passender Ausdruck der Gottesverehrung gelten konnte, mit der Zerstörung des Tempels dagegen ein für alle Mal seine religiöse Bedeutung verloren habe und einer religiösen Innerlichkeit Platz raumen solle, welche nach zahllosen Schriftstetten die echte Büßfertigkeit, Andacht und Lebensheiligung für ein weit passenderes Mittel zur Erlangung des göttlichen Wohlgefallens ansieht, als Ströme Bluts und selbst Tausende von Widdern und Böcken. Und diese Ueberzeugung findet ihre tiefe Begründung ebensowol im prophetischen Judenthume, wie in unserm eigenen religiösen Gefühle, das nicht minder gegen das Thieropfer an und für sich selbst, wie gegen jene, selbst von unseren Gegnern, wenn auch nur bewußtlos, großentheils aufgegebene Theorie als die nothwendige Konsequenz der entgegenstehenden Ansicht sich sträubt, wornach oer israelitische Stamm seit fast zwei Jahrtausenden lediglich durch Druck und Leiden vor der Sünde errettet und den Weg zum Herzen des himmlischen Vaters finden kann. Es ist daher keineswegs blos eine moderne Laune, sondern Folge einer tief begründeten heiligen Ueberzeugung, wenn wir den Ausdruck des, von Tausenden nur gedankenlos ausgesprochenen Wunsches nach Wiederherstellung des Opfeckultus aus der Liturgie ausgeschieden wissen wollen, und die Vertreter der gegnerischen Ansicht haben um so weniger Grund, über unsere desfallsigen Anordnungen sich zu beklagen, als bei den bezüglichen Stellen immer eine entsprechende Pause für stille Andacht eintritt, wahrend welcher jene von Jedem, der sich dazu gedrungen fühlt, gebetet werden können. V. Hiemit hangt nun auch auf das Innigste der fünfte Differenzpunkt hinsichtlich der Gebete um Rückkehr nach Palästina zusammen. Handelte es sich hier blos um Vertheidigung unserer bereits von praktischen Folgen begleiteten Wirksamkeit, so könnten wir diese Frage mit Stillschweigen übergehen, da in ihrem Betreffe die Synagogen des Landes so gut wie gar keine Reform noch erfahren haben; da jedoch der Entwurf einer neuen kirchlichen Verfassung solche Refornen, wenn auch lediglich durch moralische Einwirkung und auf dem Wege der Empfehlung anstrebt, so glauben wir auch diesen Gegenstand nicht unberührt lassen zu dürfen. Die s. g. Orthodoxie, von dem Grundsätze ausgehend, Israel sei auch nach der Zerstörung des zweiten Tempels lediglich um seiner Sünden willen aus der ursprünglichen Heimath vertrieben worden, kann selbstverständlich auf die Hoffnung der dereinstigen Rückkehr desselben zu seiner ehemaligen Volksthümlichkeit und Abgeschlossenheit mit allen daran Hangenden theokratischen Institutionen nicht verzichten und erblickt vielmehr gerade in dieser Rückkehr und totalen Absonderung die eigentliche Erfüllung der verheißenen Erlösung; sie erkennt es zwar an, daß in der messianischen Zeit alle Völker den Herrn lieben und verehren werden, nimmt aber auch dann für den israelitischen Stamm immer noch ein höheres Maaß von religiöser Verpflichtung und Berechtigung, weil einen höhern Grad von Heiligkeit in Anspruch, so daß die Nichtisraeliten blos die noachidischen Gesetze, die Israeliten dagegen sämmtliche biblische und traditionelle Gebote, 613 an der Zahl, zu beobachten hatten (vergl. Maimonides Könige 8, 10. 11, 4. und 12, 1). Der erhabene Gedanke einer in. Glauben und Liebe innig verbundenen Menschheit, der das Jndenthum durch alle Entwickelungsstufen begleitet und selbst in der alten Agende hie und da bis zur höchsten Begeisterung aufflammt, muß auf diesem Standpunkte gleichwol gegen das Hauptmoment der Erhöhung Israels über alle Erdenvölker in den Hintergrund treten. Auch wir sind von tiefer Hochachtung und Ehrfurcht vor der Mission des jüdischen Stammes erfüllt, Haltenaber für das Ziel dieser Mission ausschließlich die theils mittelbare, theils unmittelbare Ausbreitung göttlicher Erkenntniß und Verehrung unter allen Erdbewohnern, eine, durch die Lehre Sinai's zu vermittelnde Vereinigung aller Menschen, welche Leine religiöse Privilegien, keine besondere Stammesheiligkeit, keine abermalige Trennung und Bevorzugung duldet, und hinwiederum den Untergang des jüdischen Staates, der ehemaligen Volksthümlichkeit für die Grundbedingung zur Lösung eben dieser Aufgabe und also für Nichts weniger, als eine religiöse Verkümmerung. Nicht vertrieben — so glauben wir — sondern gesendet wurde Israel von Gott aus der ehemaligen Heimath nach allen Theilen der Erde, um seinen messtanischen Beruf zu erfüllen, und die Leiden, die es in der Zerstreuung getroffen, find ihm nicht von Gott um seiner Sünden willen, sondern von Menschen um seiner 6*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.