Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1850)
- Date
- 1850-02-04
- Page
- Seite 76 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225660-3225667--10777-3240843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
76 II. Der zweite Differenzpunkt betrifft die gewiß sehr komische Frage: ob diejenigen Gebete, die langst verflossene Zustände als fortwährend vorhanden voraussetzen, ja oder nicht gesprochen werden müssen oder dürfen? Die s. g. Orthodoxie behauptet: es dürfe auch an solchen Gebeten kein Jota geändert werden, weil sie nun einmal da sind und jede Aendecung am Herkömmlichen als Sakrileg betrachtet werden müßte. Es erscheint ihr daher unzulässig, jelbst solche Stellen, welche nur der bittersten Religionsverfolgung ihren Ursprung zu verdanken haben können, wie z. B. „schaue vom Himmel, o Herr, und sieh', wie wir zu Schimpf und Spott unter den Völkern geworden; Schafen sind wir gleich geachtet, zur Schlachtbank geführt, dem Tode, der Qual und der Schande preisgegeben!" aus dem Gebetbuche auszuscheiden. Wir dagegen glauben, auch in der Zwiesprache mit dem Wahrhaftigen der Wahrheit die Ehre geben, solche mittelalterliche Klagen, wovon die herkömmliche Liturgie wimmelt, entfernen und dafür der göttlichen Gnade, die auch den Israeliten bessere Zeiten hat erleben lassen, inbrünstig danken zu müssen, wie uns überhaupt der bei Weitem größte Theil derPiutim, welche ohnehin niemals ein feststehendes gottesdienstliches Element bildeten und vielmehr in verschiedenen Agenden in völlig veränderter Gestalt auftreten, ja sogar theilweise (wie die vor und in Schmonaesre eingeschalteten und das berüchtigte Kol-nidre, welches den Juden so viele Verleumdungen zugezogen) schon von den ältesten Rabbinen angefochten wurden, als ein Produkt des Mittelalters und weder dem Inhalte, noch der Form nach mit dem gegenwärtigen Bildungsstande verträglich, durchaus unwürdig erscheint, einen fortwährenden Bestandtheil des öffentlichen Gottesdienstes auszumachen. III. Der dritte Differenzpunkt bezieht sich auf die in verschiedenen Gemeinden des Landes getroffene Einrichtung, wornach die allsabbatlichen Vorlesungen aus dem Pentateuch diesen anstatt, wie bisher, in einem Jahre, erst nach einem dreijährigen Zyklus zu Ende führen, eine Einrichtung, die, bereits in der ältesten Zeit gekannt, in der Neuzeit von einigen der größten israelitischen Gemeinden Deutschlands z. B. Breslau, Frankfurt a. M. und noch vielen anderen in der Absicht adoptirt wurde, der deutschen Predigt, die für alle gebildeten Juden der Hauptbestandtheil des öffentlichen Gottesdienstes geworden, ohne diesen über die gewöhnliche Dauer von zwei Stunden zu verlängern, Raum zu verschaffen. Merkwürdiger Weise erfahrt gerade diese höchst zweckmäßige Anordnung den heftigsten Widerspruch, während der Gebrauch des dreijährigen Zyklus in genannter Beziehung schon im Talmud als bei sammtlichen Gemeinden Palästinas üblich (vergl. Megilla 29 b nbna 'n-TO ^2 •piü), ferner von Maimonides als vollkommen berechtigt (Tesilla 13, 1. tmnin dn )-wVm’üs 10*0 Lr^w) erwähnt wird, endlich nach R. Biniamin de Tudela auch auf verschiedene egyptische Gemeinden überging und sonach selbst vom orthodoxesten Standpunkte aus keinerlei Anfechtung duldet. IV. Der vierte Differenzpunkt hat den religiösen Charakter der, in der bisherigen Liturgie so oft wiederholten Bitte um Wiederherstellung des ehemaligen Thieropferdienstes zum Vorwurfe. Die s. g. Orthodoxie betrachtet das Thieropfer heute noch als den Gipfelpunkt, als Stolz und Zierde des israelitischen Kultus, vor Allem aber als das eigentliche Sühnmittel, wofür dem Israeliten außerhalb Palästinas, wo nicht geopfert werden darf, keineswegs schon Gebet und Buße, sondern vorzüglich Leiden als entsprechendes Ersatzmittel geboten werden. Auf diesem Standpunkte, wo das Prinzip der religiösen Entwickelung keinerlei Anerkennung findet, und also der Wunsch nach Wiederherstellung der ehemaligen Tempeleinrichtungen überhaupt keiner weitern Begründung bedarf, muß sonach die Sehnsucht nach Wiedererlangung des alen Opferkultus um so natürlicher erscheinen, als dadurch das sehr beschwerliche Ersatzmittel für denselben entbehrlich werden würde. Es ist hier der Ort nicht, den Widerspruch zu beleuchten, in welchen derjenige Theil der s. g. Orthodoxie, welcher die bürgerliche Gleichstellung der Juden ebenso freudig wie wir begrüßte, mit jenem schauerlichen Systeme getreten ist, wornach — was schwerlich irgend ein gründlicher Kenner des rabbinischen Judenthums in Abrede stellen wird — die Leiden Israels im mba (Exil) d. h. in seiner Fremdtingsschaft unter den Völkern den Hauptfaktor der Sühne in der Zerstreuung bilden, wie es überhaupt den Anhängern dieser religiösen Ansicht lediglich selbst überlassen bleiben muß, einen solchen Widerspruch vor ihrem Gewissen zu verantworten, dem allein das Recht zusteht, sie darüber zur Rede zu stellen. Nur das wollen wir hier ausspcechen, daß außer den Mitgliedern der zu Frankfurt a. M. stattgehabten Rabbinerversammlung, welche die namhaftesten