Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1850)
- Date
- 1850-01-28
- Page
- Seite 61 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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61 stens deutete der erste Redner, Barth elcmy St. Hilaire darauf hin. Er rügte, daß die Kommission aus dem akademischen Rache die israelitischen Mitglieder ausgemerzt habe; diese Konfession, bisweilen verfolgt, bedürfe der Vertheidigung. Da der Unterrichtsminister eine Erläuterung dieser letzteren Worte begehrt, so führt der Redner die Thatsache der Demission des israelitischen Konsistoriums an. Parrieu behauptet, dieser Vorfall stehe mit der Erörterung des Unterrichtsgesetzes in gar keiner Beziehung; er antwortet jedoch nicht, als der Redner folgenden Vorfall erzählte: Ein israelitischer Professor, für den Lehrstuhl der Philosophie am Kollegium zu Bourbon-Vendöe ernannt, ward gewaltsam suspendirt, weil der Bischof bei der Nachricht von seiner Ernennung die Kirche des Kollegiums mit dem Interdikt belegt und dem Priester desselben verboten hatte, Beichte zu sitzen. Eine durch die Erzählung dieses übrigens schon länger bekannten Vorgangs entstandene Aufregung ward durch den Präsidenten schnell beseitigt, welcher den Redner aufforderte, zur Erörterung des Gesetzentwurfes selbst zurückzukehren. So stehen die Dinge, und wir müssen den weitern Verlauf abwarten. — Uebrigens brauchen wir uns über Frankreich nicht zu wundern. Frankreich ist, vermöge der Natur des Volkes, stets der Spielball der Extreme. Wie in ihm der Absolutismus seiner Könige größer war, als in einem andern Lande des westlichen Europa's — selbst in Spanien lange nicht so groß — wie dann die Revolution bis an die äußerste Grenze ging, und sich damit selbst vernichtete: so sehen wir Frankreich immer von einem Aeußersten zum andern schwanken. Daß der jetzige Präsident und seine Regierung sich der katholischen Orthodoxie in die Arme geworfen, ist wol aus Allem klar, was sie seit einem Jahre gethan. Daß die Majorität ihnen dahin folgt, aus Furcht vor dem Sozialismus selbst wider die Ueberzeugung der Einzelnen folgt, kann man leicht ersehen; man braucht nur zu sehen, wie sich das Journal des Debats, das früher die Rechte der Universität gegen die Priesterpartei so kräftig vcrtheidigte, über die Rede des oben angeführten Redners ausläßt. Demnach ist für jetzt der Sieg der klerikalen Partei nicht zu bezweifeln, und diese wird in der Beschränkung der Gewissensfreiheit, der Gleichstellung der Kulte, die ihr stets ein Dorn im Auge war, namentlich gegen das Judenthum, rasch vorschreiten. Man weiß, diese Partei ist klug, wie die Schlange; der Schritt des Bischofs gegen den Professor Isidor Cahen war kein bloßer Versuch; der geistliche Herr war seiner Sache im Voraus gewiß, darum ging er vor. — Das hindert natürlich gar nicht, daß ein Jude Finanzminister sei! Denn erstens muß man wissen, was dies für ein Jude ist, um zu wissen, daß das Judenthum an ihm gerade so vielen Antheil hat, als wenn er ein Hottentotte wäre; zweitens hat es vorläufig gar keine Gemeinschaft damit, daß nicht einzelne Juden Staatsposten inne haben sollten. Später wird auch dies schon anders werden, wie unter der Restauration. Im Allgemeinen bestätigt dies aber wieder die Erfahrung, daß die politische Emanzipation durchaus nicht der Kern der Sache ist. Die Gleichstellung, die Vertheidigung, der Schutz der Minoritäten hat aufgehört. Wenn eine Nationalgarde (zu Epinal) aufgelöst wird, weil sie einer Messe nicht assistiren wollte, wenn die in Folge der pariser Gewerbeausstellung an die Industriellen zu vertheilenden Medaillen von katholischen Priestern, die expreß dazu berufen werden, geweiht werden, wenn ein Journal von Orleans mit Beschlag belegt wird, weil es die „Staatsreligion" beleidigt habe — lauter Thatsachen — so kann wol von der Gleichstellung der Kulte nicht mehr die Rede sein. Fürwahr! wir können dies nur mit Schmerz sehen, denn welch' einen Anblick gewährt uns die andere Partei, die in der Tiefe der Gesellschaft auf den Umsturz hinwühlende Partei? Grausenerregend ist die Richtung, die da eingeschlagen und mit Raserei verfolgt wird! „Nieder mit Gott'" ist das Losungswort in ihren Versammlungen und Demonstrationen, und der Krieg auf den Tod wird allen Religionen erklärt. Unglückliches Frankreich! unglückliche Gesellschaft! zwischen den Fanatismus zweier rasenden, zelotischen Parteien geworfen, und in dem Einen Schutz vor dem Andern suchend! Rußland. Petersburg, 3. Januar. (Petersb. Ztg.) Durch einen allerhöchsten Befehl vom 17. März 1848 ist eS den hebräischen Kaufleuten der ersten zwei Gilden erlaubt, zweimal des Jahres in die Residenzen und andere Städte zu kommen, um Maaren zu empfangen, nur darf ihr zweimaliger Aufenthalt daselbst nicht län- 5*