Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 4 (21.1.1850)
- Date
- 1850-01-21
- Page
- Seite 51 (sequence 11)
- Language
- German
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51 Wenn dies aber aus Etwas seine Anwendung hat, so besonders, mein Sohn, auf die Zunge. Welche köstlichere Morgengabe hat Gott dem Menschen verliehen, als die Sprache? Was wäre er ohne sie, und was ist er, das er nicht durch sie wäre? Und dennoch welch Unheil richtet sie nicht an? Welche Schmerzen, welche Leidenschaften zaubert sie nicht hervor? Da fallt mir ein niedliches Anekdötchen aus dem Midrasch ein. Höre. „Rabbi Gamliel sagte zu seinem Diener Tabi: hol' uns etwas Gutes vom Markte. Da brachte er eine Zunge. Ein ander Mal gab er ihm den Auftrag: hol' uns etwas Schlechtes vom Markte. Und er brachte abermals eine Zunge. Wie, fragte der Rabbi, als ich Dir etwas Gutes zu kaufen befahl, brachtest Du eine Zunge, und da ich Dir etwas Schlechtes zu holen gebot, brachtest Du abermals eine Zunge? Der Diener antwortete: Herr, von ihr kömmt Gutes, von ihr Schlimmes. Ist sie gut, was giebt es Besseres? ist sie schlimm, was giebt es Schlimmeres?" Fürwahr, der Mann hatte Recht. Aus meiner Jugend erinnere ich mich eines hochbetagten, ehrwürdigen Greises mit herabwallendem Silberbarte, langen Silberlocken. In demdennoch frisch erhaltenen, gerötheten Antlitz stand es zu lesen: ich habe des Lebens heilige Uebel bis auf den Grund bestanden. Seine Lebenstage grenzten schon an die achtzig Jahre; aber noch wanderte er rüstig durch die Straßen von Tag zu Tag, um die Gemeindegelder zusammenzuholen, denn er bekleidete das bescheidene Amt eines Gemeindeboten. Ach, er war so fromm in seiner Unwissenheit, und so ehrlich in seiner Unschuld. Ich weiß, als er starb, da war es sein letztes Wort an seine Frau — da lieft das Knhalsbuch und zehn Thaler zwanzig Groschen drei Pfennige, die bring' ab — nun, ist meine Rechnung fertig, und ich sterbe als ehrlicher Mann. Selbiger Greis war einst jung gewesen, und seiner Profession ein Setzer, natürlich nur in hebräischer Druckschrift, denn deutsch verstand er weder zu lesen, noch zu schreiben. Ungefähr in seinem vierunddreißkgsten Jahre stand er in einer Stadt' in Arbeit, wo eine kleine hebräische Druckerei, die nur ihn allein beschäftigte, neben mehreren anderen großen existirte. Eines Sonntags Nachmittags nach dem Quartal war eine st genannte „Auflage" für die Setzer angekündigt, d. h. eine Versammlung der Gesellen oder, wie sie sich nennen, der Gehilfen. Unsern Salomon treibt der Kitzel, auch dahin zu gehen. Als er den Sabbatrock anzog, frug ihn sein Prinzipal: wohin, Salomon? „Ich will auf die Auflage, bin ich doch auch ein Seher." „Geh nicht hin unter die Gojim," lautete die Erwiderung, „Du bist ein Jude, und sie sehen Dich nicht gern, und werden Dich schikanireri." „Ach was," sprach Salomon, „wir Juden sind immer voller Furcht! Hab' ich doch gute Bekannte darunter, mit denen ich schon mehr als einen Schoppen Bier getrunken, und die mich ausgehöhnt, daß ich nicht zur Auflage käme, ich scheute mich wol um die Paar Pfennige. Und wenn sie mich schikaniren wollen, nun, st Hab' ich ein Paar Fauste, die mir durchhelfen werden." So schlug Salomon die Warnung seines Prinzipals in den Wind, und wandte sich, und ging davon zur „Auflage". Hingetangt und geräuschlos unter den Haufen getreten, setzte er sich aus die Aufforderung des Altgehilfen mit an die Tafel. Hier wollte das Unglück, daß neben ihn ein rothhaariger, wilder Geselle sich setzte, dessen Aussehen der Salomon, wenn er seine Geschichte erzählte, nicht finster und schrecklich genug schildern konnte. So wie dieser neben ihm Platz genommen, sah er ihn mit großen Augen an, und schrie: „Was? ein Jude unter uns! ist das eine ehrliche Setzerauftage, wo ein Jude unter uns? Hinaus mit ihm, oder in ganz Deutschland wird die Genossenschaft in Verruf kommen, daß man uns nirgends mehr Platz vergönnt!" Damit schlug er mit seinen Fausten auf unsern Salomon los. Dieser, von jähzornigem Gemüth dazu, ließ seine Fauste mit gehöriger Kraft spielen, daß der Rothharige bald zurückwich. Aber alsbald sammelte sich eine Rotte um ihn, die des Rothharigen Partei ergriff — ach, und es war Mancher darunter, der mit ihm einen Schoppen Bier, natürlich auf Salomons Kosten, getrunken. Sie umringten ihn. Da trat der Rothharige hervor und gebot Ruhe. „Wir wollen Rache nehmen an diesem Juden," schrie er, „aber keine Hand soll an ihn gelegt werden; er muß Christ werden, und dies sofort, wo nicht, schlagen wir ihn zu Boden. Er hat unsere Auflage unehrlich gemacht als Jude, er muß sie wieder ehrlich machen als Christ. Sogleich muß er sagen: „Gelobt sei Jesus Christ!" und dann mit ihm zum nächsten Pfarrer." „Was?" rief Salomon im höchsten Zorne, „seid Ihr Menschen? Das thue ich nicht, und wenn Ihr mich todt schlaget l" „Das soll geschehen, wenn Du nicht sogleich sagst: