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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-01-21 · Heft 4 (21.1.1850) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 4 (21.1.1850)
Date
1850-01-21
Page
Seite 50 (sequence 10)
Language
German
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SV sie ihnen da< Manuskript, um dort gedruckt zu werden, geschickt hatte. Die Juden von Cochin ihrerseits schickten ihren amsterdamer Glaubensgenossen Alles, was diese Letzteren verlangten. Auf diese Weise sind die Gebräuche der Juden von Cochin dieselben wie die der Sephardim. tSchluß folgt.) Belletristisches. Erzählungen eines Großonkels. (Fortsetzung aus No. 3.) 1. Die Zunge. Siehst Du, theurer Knabe, dort den Schmetterling flattern, den buntfarbigen, mit den glänzenden Flügeln, mit dem feinen, zierlichen Rüssel, mit dem schlanken, dunkeln Körper? Emsig fliegt er von Blume zu Blume, von Strauch zu Strauch; lustig hebt er sich in die Höhe, senkt sich dann nieder, setzt sich in den Kelch einer Blüte, hängt sich an ein grünes Blatt, und nach kurzer Rast flattert er weiter; bald ist er hier, bald dort, und von dannen ist er, wir wissen nicht wie. Ha! dieser glitzernde Sonnenstrahl scheint seine Nahrung, diese laue Frühlingsluft das Element, in welchem er lebt, das ihn tragt und hegt. Welch Lebensgenuß, welch Glück, wer doch wäre wie er! . . . Aber die Natur hat's ihm doch nicht so gut gestellt, wie es scheint. Er flattert, und weiß nicht, welche Gefahren ihn umringen. Dort lauert schon der Vogel, der ihn verschlingen wird; da jagt ihm ein Knabchen nach, dem er die Lust der Jagd mit dem Tode bezahlen muß; hier hat die garstige Spinne schon ihre Faden gesponnen, die ihn umstricken werden; heraufzieht am Himmel das dunkle Gewölk, aus dessen Schooße der strömende Guß ihn Niederschlagen und ertränken wird — und wenn er allen diesen Gefahren entronnen, wie kurz ist sein Dasein, das der Fortpflanzung seines Geschlechtes geopfert wird! Ja, siehst Du, diese Natur, diese Schöpfung derAUweisheit — man darf nicht blos bei ihrer Oberfläche stehen bleiben, unser Auge muß auch ihre innere Ökonomie zu durchschauen suchen. Da gewahren wir allerdings Vieles anders, als es so scheint. Wir erkennen da, daß Alles ist um seinerselbstwillen, und doch wieder nicht um seinerselbstwillen, sondern um des Ganzen willen, und daß auf das Einzelne gar Nichts gegeben wird, indem es stets Anderm geopfert wird. Immer giebt sich Eines hin, um das Andere hervorzubringen oder zu erhalten, und diesem Andern geht's wieder ebenso. Ich kann Dir natürlich nicht sagen, mein Junge, ob es in der Welt Gottes überall so ist, ob es nicht unter jenen Sternen Viele giebt, aus denen ein anderes Gesetz waltet, und deshalb dort Alles ganz anders ist — ich kann dies mir nicht nur denken, sondern halte mich auch davon überzeugt, denn der Schöpfer hat sich nirgends kopirt; er ist überall originell in der großen Einheit. Aber dieser Erdball ist in Allem ein Mittelgeschöpf; nicht zu groß, nicht zu klein; in einem Mittlern Abstand von der Sonne; Tag und Nacht, Warme und Kalte, Dichtigkeit und Flüssigkeit, Schwere und Leichtigkeit, Alles ist in einer Mittlern Mischung vorhanden; und betrachten wir die Geschöpfe auf der Erde, insonders den stolzen Herrn der Welt — dann erscheint uns Alles an ihnen gemischt und in einem Mittlern Grade. Ist es nicht ebenso mit dem Geiste des Menschen? Wahrheit und Jrrthum, Erkenntniß und Verblendung, Tugend und Laster, Leidenschaft und Selbstbeherrschung, Fleiß und Trägheit, Hoffnung und Täuschung, Frage und Antwort, Glaube und Zweifel — kurz Alles tritt bei ihm in mittleren Maßen und sonderbar gemischt auf, daß er eben das eigenthümliche Chamäleon ist, welches wir beständig fassen, und das uns stets entwischt, wenn wir es zu haben glauben. Du siehst mich an, verstehst nicht Alles, was ich sage, und wartest auf Deine Geschichte. Aber, Lieber Sohn, ich werde alt, und da mußt Du schon etwas Worte zu ertragen verstehen. Das Alter schweigt, oder spricht viel. Was ich Dir eigentlich sagen wollte, ist, daß Du im Leben niemals Etwas für ganz gut oder ganz schlimm halten mögest; erwarte vom Guten auch etwas Schlimmes, und vom Schlimmen etwas Gutes. So von den Menschen, von ihren Eigenschaften, von den Ereignissen. Der alte Spruch „auch das ist zum Guten", der in unseren Herzen so vielen Anklang gefunden, ist wahr, wenn wir ihn, wie er gesprochen worden, von den bösen Dingen des Lebens verstehen. Aber wir müßten ihn auch umwenden, und dem Guten auch eine üble Wirkung Zutrauen. Dadurch allein werden wir erst recht aufmerksam und besonnen durch das Leben gehen, im Glücke nicht übermüthig, im Leide nicht Zaghaft sein, das Gute nicht für vollkommen, das Böse nicht für ganz verloren erachten.

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