Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1850)
- Date
- 1850-01-14
- Page
- Seite 38 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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38 ältesten Rabbinatsassessor der jüdischen Gemeinde, aus Berücksichtigung der löblichen Gesinnung, die er bei der Feier der Volljährigkeit des Großfürsten Konstantin Nikolajewicz in seiner Rede an den Tag gelegt, eine silberne Medaille mit der Inschrift „Für Eifer" verliehen. Sie ist mit dem Bande des Annenordens am Halse zu tragen. Belletristisches. Erzählungen eines Großonkels. Ach! mein väterliches Haus war herrlich! Viele Jahre sind seitdem verronnen, seitdem ich es zum letzten Male sah, seitdem ich zum letzten Male unter der hohen Esche auf dem Hügel mit dem Hute darauf hinwinkte, und die Zähre des Abschiedes mir aus den Augen rollte — aber, fürwahr, es war herrlich, mein väterliches Haus! Warum ich jetzt so oft, so viel, so lange daran denke? So oft mich meine Enkel auf dem großen Stuhle in die Sonne rollen — denn meine Glieder sind seit Jahren gelähmt — und der warme Schein sich dann sanft auf den Körper legt, und dieser wie unter einer leichten, wohlthuenden Decke ruht — da schließe ich die Augen, und sofort steht das niedliche Haus, das rothbemalte, mit dem Schieferdach, das zweistöckige, reinliche, zu beiden Seiten von einer Gruppe Pappeln umgebene, vor mir; es ist mir, als sollte ich den blanken messingenen Löwen fassen, der den Klöppel bildete, oder die Klinke Niederdrücken und die Thüre öffnen. Und das Bild verlaßt mich nicht, stundenlang. . .. Ja, ich merke schon seit einiger Zeit, daß ich dieser Zeit nicht mehr angehöre. Zu oft bewegt sich schüttelnd mein Haupt, wenn ich die jetzigen Jünglinge reden höre; zu oft frag' ich mich: was wollen denn die eigentlich? Ihre Behauptungen, ihre Beweise, ihre Wünsche, selbst ihre Worte und Geberden erscheinen mir oft so fremd, so nie gehört und gesehen, daß ich nicht umhin kann zu glauben, mit mir geht es heimwärts. Denn oft wol im Leben begegnete es mir, daß mir Neues und Unerwartetes entgegentrat — aber es zog mich stets an, ich war begierig, es naher kennen zu lernen, je neuer, je sonderbarer, desto begieriger — aber jetzt? nein! ich fühle mich zurückgestoßen, und doch wieder fast ganz gleichgiltigich schließe die Augen und das rothe Häuschen erscheint mir, und sagt mir: komm zu mir, was sollen dir die Häuser, die du hast, und die Hauser, welche die Jünglinge bauen wollen, und die, wie es scheint, auf dem Giebel stehen sollen, ich gehöre dir, und du mir, denn hier stand deine Wiege; siehst du, in jenem Winkel stand das Lager, auf dem deine Mutter dich gebar mit Schmerzen — heilige Statte! — und dort ist das Zimmer des ernsten, si'ttenreinen und zeremoniösstrengen Mannes, der dein Vater war — heiliges Wort! — und siehst du, da unter der Treppe ist das Kämmerlein noch, wo die alte Jitte, die Magd, hauste, und in das du so oft schlüpftest, um dir Naschwerk und Obst zu erschmeicheln — und komm nur weiter, höher steig, hier ist der Boden und die dunkle Kammer, in der du deine — erste Sünde verbüßen mußtest, du hattest gelogen — und der Vater züchtigte mich nicht, sondern er ergriff nur meine äußersten Fingerspitzen, und sah mir kaltverachtend in die Augen, und sprach — wie erschauerte mein Knabenherz — ich verachte den, der gelogen, denn es steht geschrieben; „Keine Lüge soll aus deinem Munde kommen!" und führte mich in diese Kammer und sprach; Hier weile, bis du eingesehen was geschrieben steht: „was giebt dir, und was mehrt dir Lügenlippe?" und „nur die Wahrheit besteht für immer." Ach, seine Schriftsprüche verstand ich noch wenig, aber den Spruch seiner Augen und die Kalte seiner Hand verstand ich, und da wurden mir die unverstandenen Bibelsprüche zu Verdammungsurtheilen, und ich weinte nicht, aber sank zusammen — bis meine Mutter sich gen Abend heraufschlich und mich holte. Sie weinte. Und dieses Weinen meiner Mutter gab der Lüge den Todesstoß in mir. Ich habe nie wieder gelogen. Der Vater sprach bis zu'dem, einige Wochen später eintretenden Neujahrsfeste kein Wörtchen mit mir. Erft als er an dessen Vorabend aus dem Tempel kam, rief er mit weicher Stimme — ich höre sie noch — mich zu sich, segnete mich, umarmte mich, küßte mich -o, und ich warf mich heulend um seinen Hals ... still, still, ich bin noch höher im rothen Häuschen hinaufgestiegen, blicke jetzt durch die Dachluke nach Abend hin, still, still, siehst du, dort drüben sind die Schlummerstatten deines Vaters und deiner Mutter, noch strecken die bemoosten Leichensteine sich in die Höhe, ob sie auch sehr eingesunken; sie ruhen da mit Vielen, die du kanntest, mit Vielen, von denen du noch erzählen hortest ... und du solltest mich nicht lieben, mich, das rothe Häuschen, mehr als die Lufthäuser der Jünglinge? . . . Ach, aber eS steht nicht mehr, der schreckliche Krieg 1813 hat