Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1850)
- Date
- 1850-01-14
- Page
- Seite 39 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225660-3225664--10737-3240800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
39 er von der Erde genommen-schadet Nichts, ich habe es doch noch.. . . Ich sitze im herrlichen Sonnenschein; wie wohl er thut! Es ist wieder Frühling worden, ringsum in meimem langgepflegten Garten haben wieder viele Blumen ihre Kelche erschlossen, und ein linder Südwind säuselt schon durch die jungen Blätter der Bäume. Um mich spielen meine lieben jüngsten Enketchen, der wackere Joseph von zehn, die liebliche Meta von zwölf Jahren; sie winden sich Kränze, die sie ihrem jüngsten Brüderchen auf die Wiege legen wollen. Ich habe die Augen geschlossen und träume vom rochen Häuschen. Es lag am Ende eines offenen Städtchens; ringsum freies Feld, Wiese, Wald; aber drüben erhoben sich die Vorberge eines stattlichen Gebirgszuges, der seine bewaldeten'Gipfel in der Ferne hoch aufthürmte. Hinter dem Garten rieselte in großer Eile ein murmelnder Bergbach, in seinem Bette große Steine rollend. Vor dem Hause führte die Landstraße vorüber, die ziemlich belebt war, so daß Alles vor uns vorbeipasfiren mußte. Wer tritt da aus der Thür des Hauses, und gehet stattlich steif in die Stadt hinein? O, ich weiß, wer es ist. Wie er hoch aufgerichtet dahinschreitet, den Kopf auf., die linke Seite gewendet, aber fest in den Nacken geworfen; wie rein und geleckt Alles an ihm ist, von den breiten blanken Lederschuhen mit großen silbernen Schnallen, den weißen, fleckenlosen Strümpfen, den schwarzen, manchersternen Beinkleidern zierlich am Knie festgebunden, der großen Schooßweste, der reinen Brust- und Halswäsche, dem braunen Oberrock mit Stahlknöpfen, bis zu dem dreieckigen Hute mit den breiten Krämpen, unter dem ein langer, wohlgewickelter Zopf, unten mit einer tüchtigen Bandschleife versehen, hervorkommt. Die gerade, magere Gestalt schreitet ernst dahin, in der Hand den langen Rohrstock mit silbernem Knopfe — aber aus den gebräunten Wangen mit scharfen Zügen, aus den schmalen Lippen, aus den braunen Augen über der scharfkantigen Nase, aus der hohen, mit dünnen greisen Locken umkränzten Stirn blickt eine lange Lebensgeschichte voll Strebens, Täuschung, Resignation und kindlicher Gutmüthigkeit neben der strengen, gemessenen Haltung heraus. Ich, der Knabe voll Feuers, eile ihm nach, aber er winkt mir abwehrend mit der Hand, lächelt, und klopft auf die Rocktasche, als ob ec sage: wart nur, ich komme bald zurück, und dann soll diese gefüllt sein. .. . Ich will es dir sagen: der stattlich steife Mann ist mein Großonkel; der Vatersbruder meiner Mutter; ein Junggesell, mit sehr mäßigem Vermögen, das er von einem großartigen Betrüge, den man ihm vor vielen Jahren gespielt und womit man ihn um seine Liebe und um die Früchte seines Fleißes betrogen, gerettet, und womit er sich in meiner Mutter, seiner einzigen Verwandtin, Haus hinübergerettet hatte. Ach, er war so gut und milde; selbst in seinen geregelten Gewohnheiten, von denen er sonst um Nichts abwich, ließ er sich durch mich stören. Er war es, der mich gehen gelehrt, der an meinem Krankenbette wachte, der mir die ersten Gebetworte vorsagte, der überhaupt, da mein Water vielbeschäftigt und meine Mutter bald sehr kränklich war, sich meiner annahm, und sich stets mit mir beschäftigte. Als ich heranwuchs, wurde er mein Lehrer in Bibel und Talmud, und so manchem Andern, was damals bei meinen Glaubensgenossen unbekannt, ja verpönt war. Er war ja bei Mendelssohn gewesen, und hatte sich viel mit dem Weisen aus Dessau unterhalten; er hatte ja Paris und andere große Städte besucht; er war ein tüchtiger Mathematiker, und spielte den Astronomen ein Wenig.... Nach den Lehrstunden siehst Du den langen, hagern Greis mit dem vierschrötigen, rothbackigen Knaben, dessen schwarze Augen Feuer blitzten, dessen schwarze Locken um den Kopf wallten, durch den nahen Forst schreiten, ja jenen schreiten, diesen Hüpfen, springen, laufen.... Wenn sie aber dann tiefer hinein an eine trauliche Waldstelle gekommen, wo sie sich eine Rasenbank an der Silberquelle unter den hohen Tannen gebaut, und der Großonkel sich niedergelassen, und der Knabe sich in's Gras geworfen, und wenn sie dann Beide ihr Frühstück verzehrt hatten, dann schlich sich der Knabe zwischen die Knieen des Oheims, und hob den bittenden Blick zu ihm auf, und sprach: eine Geschichte erzähle mir, Oheim, eine so recht schöne Geschichte aus Deinem Leben.... Dann blickte der Greis tiefsinnig in die dunketen Augen und das blühende Antlitz des Knaben, und sprach: wenn Du es wünschest, und dafür heute Nachmittag fleißig lernen willst, so soll es geschehen. .. . Dann hob er in der Regel einen Talmudspruch an, den er mir mehre Male wiederholte, und fügte hinzu ... siehst Du, Du wirst aus meiner Geschichte erfahren, daß dies die volle Wahrheit ist, was unsere Weisen gesagt ... und nun begann die Geschichte. Das war mein Großonkel, der stattlich steife Mann — und siehe, ebenso schmiegen sich jetzt, nicht im traulichen, schaurigen Waldwinkel, sondern im lichten Blumengarten, zwischen die Knieen des Großvaters die lieb-