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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-01-14 · Heft 3 (14.1.1850) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 3 (14.1.1850)
Date
1850-01-14
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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30 aktiven und passiven Wahlrecht berechtigt und zum Staatsdienste befähigt? Fürwahr, das ist nur eine letzte Konsequenz der realen Emanzipation. Wisset ihr aber nicht, daß dieser Langst die innere Emanzipation vorangegangen? Ihr emanzipirt die Juden nicht, sie selbst haben sich längst emanzipirt, ihr vollendet nur die äußere Emanzipation. Von der Zeit an, wo die Juden aus dem Ghetto herausgetreten, wo sie Theil nehmen an allen industriellen und intellektuellen Strebungen der Menschheit, wo ihre Kinder Schulen, Gymnasien, Universitäten besuchen, wo ihre Männer an Wissenschaft, Kunst, Industrie und Gewerk sich becheiligen, wo ihre Frauen der allgemeinen Bildung sich befleißigen — von dem Augenblicke an sind sie emanzipirt, und' brauchen nicht erst auf einige Worte einer Verfassung zu warten. Was könnt ihr ihnen jetzt denn noch bieten durch eure Emanzipation, als daß einige hundert Juden, wenn's Glück gut ist und die Regierung will, in den Staatsdienst treten, und zwei, drei Juden einmal Abgeordnete werden? Und glaubt ihr nun, daß hierdurch das Judenthum erschüttert und in Gefahr gebracht werde, oder dies allein durch jene innere Emanzipation vermochte? Nun, diese ist ja schon ein halbes Jahrhundert her, und gerade durch sie ist das Judenthum nicht erschüttert, sondern gehoben worden, durch sie hat es sich von der Eisdecke der Erstarrung, unter der es die letzten Jahrhunderte geschlummert, befreit, durch sie ist es zum Bewußtsein seiner selbst gekommen, hat seinen Gehalt, seinen Beruf, seine Stellung von Neuem begriffen, hat seine Umbildung begonnen und seine Entwickelung aufgefrischt. Also gerade das Gegentheil ist erfolgt. Ob in dem letzten halben Jahrhundert sich einige tausend Juden mehr haben taufen laffen, als früher — wir beklagen sie, aber das Judenthum ist davon nicht erschüttert. Daß es eine große Anzahl Juden jetzt giebt, denen die Religion wenig bedeutet — wir beklagen sie, aber desto herrlicher ist es, daß in ebenso vielen Herzen das Judenthum eine neue Leuchte angezündet, und zwar von innen heraus. Daß viele Gemeinden sich im Zustande der Auflösung befinden — wir beklagen sie, aber es ist dies der nothwendige Uebergang vom Zwang zur Freiheit und Selbstständigkeit, es ist die Fiberkrise, welche vielen alten Stoff hinwegraumt, und so ein Schritt zu neuer Gesundheit wird, ja, desto mehr wird das Judenthum seine neu erfrischte Lebenskraft in tüchtiger Neugestaltung des Gemeindewesens bewähren. Ha! jenen steht noch immer das Bild des zerlumpten, zerfleischten, verkrüppelten Judenthums aus dem Ghetto vor Augen — und sie gewahren nicht, daß es seine Wunden längst geheilt, seine Bettelkleider längst abgethan, und sich mit neuen Gewändern der Erkenntniß, des Geschmacks, der Belebung bekleidet hat! Und nun wollen wir einmal einen Augenblick voraussetzen, als habe die „Köln. Zeitung" und ihre Phrase recht, als sei das Judenthum in Gefahr gebracht — was ist es denn, was es gefährdet? Doch nicht das Christenthum? Denn das müsset ihr doch einsehen, daß, wenn das Judenthum als positive Religion in Gefahr ist, der Jude, in welchem es in Gefahr ist, nicht dahin geht, Christ zu werden, sondern weil ec aller positiven Religion fremd wird, das Christenthum ebenso meidet, und noch mehr, wie das Judenthum. Dann ist das Judenthum deshalb gefährdet, weil ein Geist jetzt durch die Welt geht, der sich aller positiven Religion entschlagt, der in seiner Zerfallenheit mit aller bestimmten Ueberzeugung, in seinem Skeptizismus und Materialismus, in seiner Zerwühltheit und Zerrissenheit, mit allem geschichtlich Gegebenen und geschichtlich Begründeten gebrochen hat. Ist dies der Fall, so seht ihr, daß nicht allein das Judenthum, daß ebenso sehr, wir glauben sogar noch weit mehr, das Christenthum in Gefahr steht. Ihr seht also wiederum, daß es nicht die Emanzipation ist, welche das Judenthum gefährdet, sondern der allgemeine Geist in der zivilisirten Menschheit. Aber wer möchte behaupten, daß dieser Geist der Verneinung ein dauernder sei im Wandel des Geistes? Die Geschichte zeigt uns, daß dieser nur eine wiederkehrende 'Phase ist in der Menschheit, wenn der geistige Inhalt einer Epoche erschöpft ist, und die von der Zersetzung durchtränkte Kritik das Zerfallende immer mehr zersetzt; daß aber eine solche Phase der Verneinung immer einer neuen Entwickelung des Positiven vorangeht. Was ist nun das sich Zersetzende? Seht auf die Philosophie, auf die freien Gemeinden, auf die Theorieen der Sozialisten — und ich brauche es nicht naher zu bezeichnen. Was ist aber das, was bereits mehr als eine Epoche der Zersetzung überstanden? Das Judenthum. Auf den Trümmern der egyptischen und vorderasiatischen Kulten erhob sich der griechisch-römische Kultus; auf den Trümmern des griechisch-römischen Kultus erhob sich das Christenthum. Aber das Judenthum erlag nicht, als der egyps tisch-vorderasiatische Kultus zerbröckelte, vor der Siegeskraft des griechisch-römischen Kultus; das Judenthum erlag nicht, als der griechisch-römische Kultus zerbröckelte, vor der Siegeskrast des Christenthums; und ebenso wenig

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