Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1850)
- Date
- 1850-01-07
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
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24 Lichte rc. erheben, so laufen manchmal die Nachbarn herbei, bis sie außer Schimpf- und Scheltworten auch tüchtige Ohrfeigen bekommen, bis endlich die Zeit des Lichtanzündens herannahet, bei welcher Zeremonie Alles still bleibt. Man läuft nachher sogleich in die Synagoge, welche gewöhnlich am Sabbatabend durch die dort angezündeten Lichter wie brennend sich darstelll; und auch hier in der Synagoge sehen wir den litthauer Juden mit seinen nassen langen Haaren (niNE>) vor dem Minchogebet, den Pentateuch, das Hohelied rc. sagen, worauf -gleich nach dem Mincho der Chasan und Alle die in der Synagoge sich befinden das Lechodaudi brummen, das Abendgebet sagen, und dann wird der „gute Schabas" gewunschen. Da aber der Sabbat sehr streng gefeiert wird, und laut Verordnung der Regierung kein Christ bei den Juden am Sabbat sich aufhalten darf, so können Feuersbrünste oder sonstige Unglücksfälle besonders in den großen Winternächten häufig Vorkommen. Des Morgens in der Frühe sehen wir auf's Neue den litthauer Juden zur Synagoge laufen. Hier stehet er umhüllt von seinem Talar (rnbu) circa vier Stunden, und das Sabbatgebet schreiend, singend und schaukelnd verrichten. Nach dem Schachrisgebet werden die Mizwot verkauft und versteigert das Aufrufen zur Tora. Die Mischeberachs, welche für jede aufgerufene Person dreimal gesagt werden, werden durch den Synagogendiener (Schames) vorgesagt, und es wird den Anwesenden sehr langweilig, solche Strapazen in der Synagoge einige Stunden auszuhalten. Aber warten Sie noch ein Weilchen, zum Musaphgebet kommt der berühmte Chasan N. N. und kaum ist dieser Chasan auf dem Balmemor erschienen, so wenden und strecken schon Alle ihre Augen auf den (neuen) durchreisenden Chasan, er ziehet sogleich den Talar über den Kopf, brummt in den Bart, wozu seine Helfer zwitschern, und man deutet mit den Fingern, mit Verwunderung auf den Chasan, während er seine Stimme allmälig zu großem Geschrei erhebt. Die Hände bei der Gurgel haltend und den Kopf stets empor hebend, setzt er das Musaphgebet bis zum Ende fort. Nun kommt der Melamed zu seinem Wirthe, der sich noch in der Synagoge auf seinem Platze befindet, mit der Frage, ob es ihm wol gefällig sei, sein Söhnchen, mit welchem er stets lernte, im Pentateuch und im Talmud heute zu verhören? Ja, antwortet der Wirth, aber nicht bald, denn die I Uhr ist schon jetzt 12, und wir sind doch so müde von dem vielen Sagen, Schreien und Beten, wozu noch uns der Chasan so lange ausgehalten; er ist ja ein hübscher Chasan, aber er macht sich so närrisch durch sein Trällern, was hier in der Synagoge und besonders beim Gottesdienst wirklich gar nicht passend ist, kommen Sie lieber Nachmittag, und ich werde schon zu Hause mein Schmulchen in Bibel und Talmud verhören. Der Melamed nimmt Abschied, indem er über die bejahende Antwort des Wirthes sehr unzufrieden ist, da es ihm doch wohl bewußt ist, daß er die ganze Woche mit dem Talmid (Schüler) wenig und nicht deutlich gelernt hat; was soll man thun, dünkt sich der Melamed, es ist jetzt sehr schwere Zeit, meine Frau verdient sehr wenig in der Bude, meine Tochter desgleichen, sie ist zwar eine große Magd (mm), aber ohne Geld und ohne Kleider, wer wird sie heirathen? und ich habe gar keine Zeit Etwas zu verdienen, ich muß doch auch laut Verordnung der Regierung etwas Russisch und Deutsch kennen, wovon weder ich, noch meine Eltern was gewußt haben; besonders müssen jetzt die Melamdim auch die hebräische Grammatik lernen, und darin auch examinirt werden; es ist also kein Wunder, daß weder ich noch die Talmidim Was kennen, da man jetzt ' stets zweifelt, ob man nur eben Talmud studiren soll, wie die Alten verlangen, oder auch Sprachen, wie die jungen Leute wünschen, und so vergehet die ganze Zeit (piT) ohne mit dem Talmid etwas gelernt zu haben. Mit solchen und dergleichen Gedanken kommt der Melamed nach Hause, wo er doch sein Stückchen Fleisch und Semmel (nbn) zu Ehren des Sabbats verzehren muß, wozu er noch einige Sabbatlieder (nrvw) mit seinen Kindern verrichtet, worauf das' Nachtischgebet folgt. Wir hören überall in den litthauischen Städten, welche am Meisten mit Juden besetzt sind, am Sabbat zur Mittagzelt Sabbatlieder und Nachtischgebete singen und sagen, und rührend ist es, in den Judenstraßen vorbeigehend das vnn und n?2i mit Inbrunst flehen zu hören. Nun ist der Talmid zu dem Rebbe (Lehrer) gekommen, und die Gemara in den Arm nehmend, gehet er mit dem Rebbe zu seinem Vater, um sich verhören zu lassen. Beim Hereintreten in's Vaterhaus wird das hohe „Gutschabas" vom Melamed gewunschen. Der Vater: Nun, Schmuelche, welche Gemara hast Du diese Woche gelernt?