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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-01-07 · Heft 2 (7.1.1850) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 2 (7.1.1850)
Date
1850-01-07
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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18 willig die Pforte. Das Neujahrsfest, wie es Israel feiert, führt seinen ganzen Inhalt auf die Person zurück. Das Neujahrsfest Israels kennet dies selbst gar nicht, sondern nur den Menschen, das Individuum, seinen Werth, sein Geschick. Dagegen scheint das allgemeine Neujahrsfest ganz von allgemeinem Charakter; es liegt so objektiv vor uns, daß wir uns nicht darin besonders fühlen. Daher Nichts vom Wechsel der Zeit, vom ansteigenden Alter der Personen, von dem, was uns betroffen oder betreffen werde — — sondern allein von der Geschichte. Das verflossene Jahr gehört nun der Geschichte an. Der Mensch ist ein geschichtliches Wesen! Diesen Satz möchten wir über jedes Studierzimmer, über die Arbeitsstube jedes tiefer denkenden Menschen schreiben, diesen Satz unseren Männern und Frauen, namentlich unseren Jünglingen empfehlen. Was ist nicht an und um uns geschichtlich, ein Erzeugniß der Geschichte? Unsere Kleidung, unsere Mobilien, die Bauart unserer Wohnungen; unsere Sitten, unsere Gewohnheiten. Alles hat eine Geschichte, ist aus geschichtlicher Komplikation hervorgegangen. Nun, von unsrer Staatsverfassung, von unserm Recht und Gesetz ganz zu schweigen. Aber auch die innere Verfassung der Gesellschaft, diese Ranges-, Standes-, Vermögensunterschiede, diese Beschäftigungsarten, diese Lebensaufgaben und Richtungen. Und unsre Wissenschaften? Sicher traditionell. Unsere Künste? Zumeist überliefert. Und ihre Quellen? Bücher, Erzeugnisse der Vergangenheit, Eines aus dem Andern geflossen. Und nun sieh Dich selbst an. Was Du geworden bist, Deine Erziehung, Deine Bildung, Dein Wissen und Denken, Alles erschuf, erzog, bildete sich aus der ganzen Geschichte der Menschheit heraus, hat darin seine Wurzeln und seinen Stamm. Du bist nur ein neues Glieo an die alte Kette. . . . Allerdings hat diese große, inhaltsschwere Wahrheit eine gewisse Partei verfälscht, indem sie daraus das Recht des Bestehenden, das sogenannte historische Recht ziehen wollte. Eitel Widerspruch. Gerade das Gegentheil muß daraus gezogen werden, indem alles Vergangene nur noch insoweit es im Lebenden vorhanden ein Recht beanspruchen kann. Geschichte ist eben nur Entwickelung. Der Stillstand ist und hat keine Geschichte. Gabe es keine Entwickelung, so gäbe es auch keine Geschichte. Also die Geschichte giebt gerade das Recht des Neusichentwickelnden oder Neuentwickelten her. Es ist geschichtlich berechtigt, weil es eben geschichtlich geworden, geschichtlich wird. Aber ebenso tritt diese Wahrheit Jenen entgegen, welche von der Umkehr alles Positiven in Religion, Philosophie, Wissenschaft, Gesellschaft, Staat träumen, welche erst alles, aus der Geschichte Hervorgegangene, auf die Geschichte sich Stützende, somit alles Bestehende vernichten wollen, um ihren Neubau aufzurichten. Thoren! erst vernichtet dann Euch selbst, denn Ihr seid doch auch nur geschichtlich Gewordene, geschichtlich Gebildete! Sehet nur genauer zu: wie Ihr auch prahlet mit Eurer Ueberzeugung — was Ihr zu geben habet, ist nur Kritik, Zweifel, das leere, weiße Blatt hinter dem Buche. Es ist Alles nur Gedanke des Tages, von Eurem eigenen Gedanken des nächsten Tages hinweggeschwemmt, es ist nur Gedanken des Einen, dem der Gedanke jedes Andern entgegentritt — und darauf soll sich eine neue Welt bauen und bauen lassen? Wie thöricht! Nein! die Menschheit steht nicht still, darf und kann nicht still stehen! Aber die Menschheit kann auch nicht aus der Geschichte, aus dem Resultate und der Kette der Geschichte heraus! Diese beiden Sätze müsset Ihr Alle begreifen, wenn nicht trauriger Jrrthum Eurer Aller verderbenschwangeres Loos sein soll. So danke, Israelit, täglich Deinem Judenthum, daß es Dir ein geschichtliches Erbtheil überliefert, auf welchem Du beharren kannst, und das dennoch Deinen sich entwickelnden Verstand nicht mit, ihm widersprechenden Glaubenssätzen bindet! Der Israelit vor Allem ist ein geschichtlicher Mensch im wahren Sinne des Wortes — denn er steht auf dem sichern, aber ewig frisch sprießenden Boden der sich entwickelnden und umgestaltenden Geschichte. Neujahrsstunde! laß deine Glocken tönen, deine ehernen Klöppel an die metallene Form schlagen — du verkündest Nichts weiter als: die Geschichte der Menschheit ist einen kleinen Schritt weiter gegangen! Zeitungsnachrichten. Deutschland. Aus Baiern, 29. Dezember. Die Verhältnisse, unter denen die Emanzipation der Juden in Baiern wieder Tagesfrage ist, und zwar nicht wie im vorigen Jahre als ein Theil der allgemeinen Religions-

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