Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-01-01 · Heft 1 (1.1.1850) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 1 (1.1.1850)
Date
1850-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225660-3225662--10702-3240763
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6 Hannover, im Dezember. (Privatmitth.) Der hiesige Verein zur Beförderung der Handwerke unter den Juden hat einen Bericht über seine Wirksamkeit von 1841—1848 ausgegeben. Es sind in dieser Zeit von dem Vereine 52 Knaben unterstützt worden; von diesen sind bereits 37 ausgelernt und arbeiten theils als Gesellen, theils als Meister; 22 sind in der Lehre noch befindlich. Die Einnahmen betrugen 3756 Thlr., die Ausgaben 2083 Thlr., so daß 1673 Thlr. Ueberschuß verblieben. Außerdem sind dem Vereine 2000 Thlr. Legat durch den Dr. jur. M. Cohen zugefallen. Eine Stelle des Berichtes mag hier Platz finden. „Die Zahl der Gesuche um Unterstützung zur Erlernung eines Handwerks war, besonders in den letzten Semestern, zwar nicht so stark, als man in Rücksicht Ms die im ersten Berichte ausgesprochenen Erwartungen hätte vermuthen können. Diese Erscheinung hat aber darin ihren Grund, daß seit der Veröffentlichung des Gesetzes über die Rechtsverhältnisse der Juden vom 30. September 1842 und überhaupt durch das immer mehr abnehmende Vorurtheil gegen jüdische Lehrlinge das Untcrbringen der Letzteren bei einem Meister erleichtert worden ist, so daß Eltern und Vormünder, da sie die Knaben für ein geringes Lehrgeld und selbst unentgeldlich unterbringen können, weniger veranlaßt werden, die Unterstützung des Vereins in Anspruch zu nehmen." Hannover, 1. Dezember. Zweite Kammer. Hirsch reserirt über die abweichenden Beschlüsse erster Kammer, betreffend die Aushebung der Stolgebühren und die Armenverbände der Juden/ Dem wichtigsten Beschluß zweiter Kammer, die Entschädigung für Stolgebühren nur den jetzigen Besitzern der Pfarren zu zahlen, ist die erste Kammer in veränderter Redaktion, die von zweiter Kammer gebilligt wird, beigetreten. Berlin. 25. Dezember. (Privatmitth.) Daß jede große Stadt, insonders aber jede der größten europäischen Hauptstädte ihren besonder» Charakter hat, ist hinlänglich bekannt und versteht sich von selbst. Sieht man dann all die einzelnen Einrichtungen, Anstalten, Institute u. dgl. in einem solchen modernen Babel näher an, so gewahrt man an ihnen all die Zeichen dieses besondern Charakters ausgeprägt, oft auf überraschende Weise. Und was ist denn nun der Charakter Berlins? Dieser Stadt der Intelligenz? Dieses Spree-Athens? Läßt er sich fassen mit Worten, aussprechen in Worten? Hat diese immer wachsende Häuseroase in der großen Sandwüste eine so bestimmte Maske, daß man sie mit einigen Strichen nachzeichnen kann? Wir glauben es. Und um dahin zu gelangen, brauchen wir wahrhaftig nur nach allem dem zu fragen, was bis jetzt aus Berlin hervorgegangen? Wir forschen lange, und finden — Nichts. Nicht einmal die Befreiungskriege und der bekannte Aufruf des verstorbenen Königs gingen von Berlin aus, nicht der Liberalismus und die Revolution , nicht der Belagerungszustand und der Sieg der Bajonnette, Nichts, Nichts, außer was schon an und für sich ein Nichts ist. Ja noch mehr, wenn Etwas Etwas ist, und es kömmt nach Berlin, und macht nicht, daß es alsbald wieder fortkommt, so wird es in nicht langer Zeit zu Nichts werden. Der berliner Geist hat nur die eine Richtung, Etwas zu Nichts zu machen; und wenn er Etwas anfängt, so bläst er sich auf wie eine riesige Blase; dadurch platzt das Fell, und die Lust fährt aus den Rissen hinaus, so daß die Blase wieder zusammenklappt. Es ist ein trauriger Boden, auf dem nur Nadeln sprießen, die stechen. Ich könnte tausend Beispiele beregen, die dieses beweisen, wie hier Nichts ist, Nichts wird, bei Gelehrten und Handwerkern, bei Vereinen und Auflösungen; jedem lebendigem Geschöpf wird das Lebensmark ausgesogen, bis es die Schwindsucht bekommt, und schon am Abend seines ersten Tages dahingeht. Es ist dies ein großes Unglück für das gesammte Preußen. Was in den Provinzen gedeihlich aufwächst, das kann doch nicht zu einer großen Geltung kommen, weil es nicht in Berlin ist, und in Berlin wird es nicht, und nach Berlin verpflanzt, wird es zu Nichts. Dieses selbe Unglück haben die preußischen Juden seit lange, lange empfunden, und darum wird nichts Lebenskräftiges innerhalb des Judenthums in Preußen. Hätten wir eine energische, geistesstarke und charaktervolle Gemeinde in Berlin gehabt, oder die Gemeinde zu Berlin einen, energischen, charaktervollen Vorstand, oder nur überhaupt Männer von durchgreifendem Geiste unter den Juden in Berlin: um wie viel anders hätte es seit Dezennien um die preußischen Juden gestanden, um wie viel anders würde es jetzt um sie stehen. Sie brauchten wahrlich! nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.