Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1850)
- Date
- 1850-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 mehr, aber auch freilich nicht weniger will', als eine Gleichstellung der Juden mit den Christen in Bezug auf politische und bürgerliche Rechte? Und doch ist es so. Heute sitzt die Kammer zum fünften Male darüber, und es ist sogar sehr die Frage, ob man endlich zum Ziele kommt — so groß ist die Redclust, und so wenig vermag man sich durch all' diese vielen und langen Reden zu erschöpfen, weil die Leidenschaften nun einmal bis zum Aeußcrsten erregt worden sind. Gestern nahm zum ersten Male einer der beiden in der Kammer sitzenden Juden das Wort. Hr. Arnheim, den Nichts aus seiner stoischen Ruhe zu bringen vermag (während man es seinem Glaubensgenossen, Hrn. Morgenstern, ansieht, daß er gegen die giftigen Pfeile, die von den Ultramontanen mit endlosem Eifer gegen ihn und sein Geschlecht abgeschossen werden, Nichts weniger als gleichgiltig ist, vielmehr durch sie in seinem tiefsten Inneren sich außerordentlich verletzt fühlt), beschränkte sich jedoch auch bei dieser Gelegenheit darauf, sich für die Ehre zu bedanken, die man ihm lobpreisend erwiesen, und einige allzu handgreifliche Unwahrheiten seiner Gegner kurz zu widerlegen. Man muß leider gestehen, daß in diesem langen Kampfe die Opposition, diesmal die Rechte und vorzugsweise das ultramontane Element der Rechten, weit davon entfernt ist, die Sache, und nur diese, im Auge zu haben, sondern daß sie den gegebenen Gegenstand wieder zur puren Parteifrage gemacht hat. Aber eben weil sie dies thut, wird und kann sie kaum verlieren; denn selbst zugegeben, woran wir aber gar noch sehr zweifeln, daß der ministerielle Gesetzentwurf, eben weil er von der Regierung ausgegangcn ist und durch die Minister lebhaft vertreten wird, in der Abgeordneten-Kammer eine geringe Mehrheit erhielte, etwa gerade die zwei Drittel der Stimmen, welche zum Durchgehen desselben nöthig sind, so steht immer noch die Reichsrathskammer im Hintergründe, die allen Anzeichen nach noch viel mehr entschlossen zu sein scheint, als die Abgeordnetenkammer, das Gesetz durchfallen zu lassen und dadurch zu zeigen, daß sie sich von dem Marzschrecken erholt hat und keine Gemeinschaft mehr haben will mit Juden und anderen Leuten, die ihr Heil vom Fortschritte erwarten. Döllinger ist und bleibt der gewandteste, zugleich aber auch der eleganteste Kämpfer für Alles, was Rückschritt auf kirchlichem und weltlichem Boden heißt. Der lange hagere Gelehrte erhielt gestern in der That etwas Gespensterhaftes, als er die 60.000 getauften Juden im Geiste an sein Herz zu drücken und innigst zu umarmen schien; denn die Taufe ist ihm die unerläßlichste Bedingung, welche nach ihm dem Emanzipationsgesetze zu Grunde gelegt werden solle. Ob die Herren Arnheim und Morgenstern dieses überströmende Herz während der fraglichen Umarmung schon haben klopfen hören? Sie sahen während der ganzen Rede Döllinger's aus, als würde jetzt erst der Stab über ihnen gebrochen. Döllinger thut weh, auch wenn er seine Geschosse noch so schön überzuckert. Sepp hingegen, v. Lassaulr, Ruland u. s. w. schaden weder, noch können sie bei ihrer in Bezug auf Urbanität konstatirten Unzurechnungsfähigkeit auch nur beleidigen. München, 15. Dezember. Dem Anfänge der gestrigen Sitzung nach zu urtheilen, konnten wir nicht glauben, daß die Debatte so schnell zum Ende gelangen werde, wie es in der Thal der Fall gewesen ist, so daß wir das Abstimmungsresultat recht wohl unserem gestrigen Briefe noch hätten hinzusügen können, wenn wir denselben nicht voreilig zur Post befördert hätten. Wir pflegen dies selbst zu thun, und gestehen, daß wir bei unserer Rückkehr in die Journalistenloge nicht wenig überrascht waren, die Kammer entschlossen zu finden, den Frieden zwischen den hadernden Parteiführern um jeden Preis herzustellen, oder doch wenigstens die Waffenruhe durchzusetzen. Nicht blos einer jener Redseligen, die das Unglück hatten, nicht um das Wort bitten zu können, ohne dqß die Kammer fürchtet, bis zum Uebermaß gelangweilt zu werden, wurde zurückgewiesen, sondern eS widerfuhr dies selbst Männern, wie dem so ausgezeichneten und allgemein geachteten Professor v. Herrmann, der sich umsonst bemühte, sich Gehör für eine statistische Abhandlung zu verschaffen. Erst heute verstehen wir das Schlußwort des Kultusministers ganz, welcher scheinbar und dem Wortlaute nach der Kammer zwar noch einmal den ursprünglich eingebrachten Entwurf zur Annahme empfahl, aber doch zugleich die Erklärung zufügte, daß man Nichts dagegen einzuwenden haben werde, wenn die Kammer aus den verschiedenen Verbesserungs- oder Zusatz-Anträgen diejenigen wählen wolle, welche den Regicrungsentwurf dem Prinzipe nach anerkenne, wenn auch den Vollzug von Bedingungen theilweise abhängig mache. So ists denn auch geschehen. Die Kammer hat das Prinzip anerkannt, die Emanzipation der Ju-