Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1850)
- Date
- 1850-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 einen neuen Statutenentwurf gemacht — aber aus wenigen Orten haben wir vernommen, daß ein Solcher auch Lebenskraft und Vollzug erhalten. Daß endlich unsere Literatur, unser Kultus im Stillstand geblieben, wer weiß es nicht? Hier freilich ist ein Stillstand dem Rückschritt schon sehr nahe. Verwundern wir uns übrigens darüber nicht. .. Wo so ungeheure Kampfe vor sich gehen, wo es das Schicksal großer Staaten gilt, wo in Ungarn und Baden Weltkämpfe, dort mehr mit dem Schwerte, hier mehr mit dem Worte ausgefochten wurden, wo große Versammlungen, wie die frankfurter und kremsierer, untergehen, und die Umgestaltung mächtiger Staaten versucht wird — da weicht alles andere Interesse zurück, und tritt in den Hintergrund. Die Religion hat die ewige Dauer für sich. Wo sie vor gigantischem Drangen der Außenwelt eine Zeit lang schwindet, kann sie ruhig harren, denn sie stirbt nicht, und ihre Nothwendigkeit vergeht nicht. Kurze Zeit, und der Mensch, der sich von ihr abgewendet, kehret zurück zu ihr, und sucht bei ihr Trost und Ersatz für die Nichtbefriedigung, für die Verzweiflung, die ihn außen überkommen. Allerdings dürfen wir nicht schweigen! Allerdings muffen wir mit immer erneuter Kraft den schlummernden Funken des religiösen Eifers zur Flamme anzuhauchen streben. Aber gerade da darf uns die Zuversicht nie verlassen, daß wir einer Sache dienen, welche über jede irdische Hinfälligkeit, über jede menschliche Schwäche erhaben ist!. . . Sehen wir nun das Nähere nach. (Fortsetzung folgt.) Von der Saale, 26. Dezember. Kreuz- und Luerzüge. Es ist sehr eigen: die ganze Welt ist entzückt von „Mosenthals Deborah", die ganze Welt geht sehr befriedigt von dannen, und ich — wahrlich, ich beginne an mir zu zweifeln — ich bin fast empört. Das ist die Dichtung eines Juden? Das Werk Eines, der von einer Jüdin geboren und groß gezogen, Juden seine Abstammung und seine Erziehung — und wer weiß was noch? — verdankt? Ja, wenn Spindler oder Gutzkow, oder sonst ein Christ den Juden die Ehre anthate, sie auf der Bühne nach den Fäden seiner Hirngespinste tanzen zu lasten — dann laste ich mir so Etwas gefallen. Dann sitzt jeder Jude gespannt vor der Szene, lauscht auf jedes Wort, und ist froh, wenn's nicht ärger ausfällt. Und wahrlich! das ist auch die Befriedigung, mit welcher die Juden von der Deborah fortgehen. Diesmal erwarteten sie, würde von den Juden doch Gutes gesagt werden, es ist doch der Dichter selbst Jude. Aber ihre Erwartung wurde getäuscht. Alles was in dem Stücke Schlechtes und Widerliches, Abstoßendes und Gehässiges vorkommt, das hat der Dichter — den Juden zugetheilt, alles Edle, Gemüthliche, Ruhige, Liebevolle hat er — seinen Christen zugeschrieben. Von den Lippen der Juden ertönt Fluch, Leidenschaft, Gemeinheit, von den Lippen der Christen Segen, Wohlwollen, Beruhigung. Selbst wenn der christliche Haufen gegen die Juden ohne Ursache aufbraust und wüthet, so geschieht es auf Anstiften —■ eines getauften Juden. Ruhe, Glück in Liebe und Frieden ist das Loos der Christen, besonders wenn sie von den Juden lasten; selbst der getaufte Jude kommt noch zum Frieden — während die Juden sämmtlich ein Wenig herumwandern wie die Zigeuner, und endlich nach Amerika ziehen. Dies ist ein Werk eines Juden! Fürwahr! da haben wir wieder das Christeln, womit sich schon so viele Juden vor dem Genius des Judenthums, vor dem Genius der Wahrheit versündigt haben! Dieses Liebäugeln mit den Christen, das so weit sich ausdehnt, daß der Liebäugelnde es nicht unterläßt, seinen Glaubensgenossen, seiner Religion einen Fußtritt zu geben, um sich dadurch in christliche Gesellschaft zu bringen. Immerhin. Nimm die christlichen Lobsprüche und Diamantringe — das Brandmal, das Dir der Genius Deiner väterlichen Genossenschaft aufdrückt, ist dauernder. Die Falschheit, die Du geübt, liegt jief in Dir und rächt sich an allen Deinen zukünftigen Werken, ohne unser Zuthun. Wir werden es sehen. Doch ich erinnere mich, daß ich oben von der Befriedigung ansing, mit welcher der Jude von der Deborah fortgeht. Weit ec nämlich also in der Erwartung getäuscht ist, und weil er so Fürchterliches auch diesmal über die Juden ergehen sieht, daß sein Herz erbebet, und weil der Dichter es geschickt angelegt, daß der Zuschauer im fünften Akt beim Zusammentreffen des Joseph und der Deborah noch eine Folter erwartet, und weil der Dichter sehr geschickt diese zu vermeiden verstandendarum geht er befriedigt von dannen.