Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1849)
- Date
- 1849-12-17
- Page
- Seite 728 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225606-3225658--10669-3240735- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
728 wem gleicht der Weise, der die Sünde scheut? Einem Künstler, der seine Werkzeuge bei sich hat. Der Weise aber, der die Sünde nicht scheut? dem Künstler, der seine Werkzeuge nicht bei sich hat" — also and) feine Kunst nicht ausüben kann. Daher sagen die Talmudisten von einem Gelehrten ohne Gottesfurcht: Tb rpbn *|K7a b* bsn TS* »nmb «mm arm „wehe dem, der keine Wohnung hat, und das Thor zur Wohnung macht! (Sab. 31, 2.), d. h. der eben nur an dem äußern Wissen hängt, ohne in dem wahren Gehalt des Wissens heimisch zu sein. Sie nennen daher die Gottesfurcht „die Krone auf dem Haupte der Weisheit". Besonders dringt daher der Talmud auf Mittheilung des Wissens; der Gelehrte soll nicht allein lernen, er soll auch lehren. Die bloße Vielwisserei ist ihm Nichts als „ein Korb voll Bücher" 8ba 822. Er sagt: dnnb nain rmba T81 mrnn Taibtt bs rraa ^irrnb-r 8Tbs nmas „wer die Wissenschaft erlernt und sie nicht lehrt, gleicht der Myrthe in der Wüste, wo Niemand Genuß davon hat." (Rosch. hasch. 23. 1.) Dagegen: „Wer die Wissenschaft erlernt, und sie an einem Orte lehrt, wo kein Lehrer vorhanden, gleicht der Myrthe in der Wüste, die (dem Wanderer) um so theurer ist und von der jeder (der sie trifft) nimmt." Noch scharfer heißt es Sanh. 91: „Wer einem Schüler die Lehre vorenthalt, dem fluchen die Kinder im Mutterleibe!" „Alles Reden ist schlimm, aber das Reden vom Gesetz ist gut; alles Schweigen ist gut, aber das Schweigen vom Gesetz ist schlimm." (Jer. Ber. 37, 2.) Bon einem Lehrer, der gern lehrt, heißt es: N21S bä*mö Naa nnv1 pmb N2T msn pTb „mehr als das Kalb saugen will, will die Kuh saugen." (Pesach. 112.) Es wird interessiren, einige Aussprüche angeführt zu sehen, welche die Methodik der Talmudisten beleuchten. Im Allgemeinen sagen sie: drn2pb mm mm (Chag. 15, 1.) ■'bas pS8b nbm 'bas „die Wissenschaft ist so schwer zu erwerben wie miletische (sehr kostbare) Gewänder, und so laicht zu verlieren wie Gewänder aus Flachs." Also: Kenntnisse zu erwerben ist schwer, leicht aber sie zu vergessen." Ueberhaupt muß man nach Wissenschaft ringen, denn von selbst stellt sie sich nicht ein: mm mm ->N8 ^bm öl« ü8 1TN8 *pas SN (Jalk. Misch. 932.) „der Mensch gehe der Wissenschaft nach, sie kommt nicht zu ihm." Vor Allem muß sie daher in der Jugend erstrebt werden. ‘■jmrpts wian tap8 sn2sm 8b *-]nm*2S sa (Ab. der. Nach. 24.) „wenn Du sie in Deiner Jugend nicht erstrebtest, wie willst Du sie in Deinem Alter erreichen?" „Wer in der Jugend lernt, bei dem geht das Gelernte in's Blut über." „Nach Weisheit suchen im Alter ist Zeichnen auf Sand, in der Jugend, ist Eingraben auf Sand", sagt ein Späterer (Mib. Pen.) — Sehr richtig, und namentlich unserer jetzigen studirenden Jugend zu empfehlen, ist der Ausspruch, daß man sich erst das stoffliche Wissen aneigne, ehe man zu räsonniren beginne, während unsere Jugend in's Allgemeine hinein räsonnirt, bevor sie gründliches Wissen erlangt har. Es heißt: SSDb TT tw« na^b (Sab. 63, 1.) „erst lernen, dann argumentiren", Tab'' Sbmb .STT “p NN81 Sn Tn tm (Berach. 63, 2.) „erst lerne das Gesetz, dann erst denke darüber nach." — Die Talmudisten legen der Autodidaktie einen geringem Werth bei: „wer bei einem Lehrer lernt, gleicht nicht dem, der von sich selbst lernt." Vor Allem empfehlen sie Wiederholung; den bekannten Spruch Eicero's: repetitio est mater sludiorum, finden wir bei ihnen so ausgedrückt: „es gleicht, wer seinen Abschnitt hundertmal wiederholt, nicht dem, der ihn hundertundeinmal wiederholt" (d. h. unzählige Male, es kann im Wiederholen nicht genug geschehen) Chag. 9, 2., daher empfehlen sie: TTH TTrt Tbsb Y-iü2n b8i „wiederhole, wiederhole, dann bedarfst Du des Balsams nicht." Sie wissen nämlich, daß man auch — leicht wieder vergißt, und sprechen den Satz aus, daß man Längstvergessenes schwerer wieder erlerne, als Neues (Jom. 29, 1.). Ob dies wahr sei? Kommt nicht da die Erinnerung zur Hilfe, oder verwirrt diese? — Merkwürdig ist es, daß die Talmudisten die neueste Mnemonik wol kannten, und sagten: 8b8 rraps mm *pÄ paa'DS „die Wissenschaft kann nur durch Zeichen erworben werden" (Sab. 104, 1.), wozu Dukes folgende Anmerkung macht: „Die verschiedenartigsten Dinge wurden im Talmud durch entsprechende Zeichen dem Gedächtnisse eingeprägt, und die Gedächtnißkunst stand in hohem Ansehn bei den Talmudisten. Ihre Zeichen waren auch viel einfacher und geistreicher als die, welche in der neuern Zeit empfohlen worden. Bibel- und Mischnastellen werden gewöhnlich als Zeichen angeführt, die entweder Laut- oder Sachahnlichkeit mit der einzuprägenden Sache haben. Auch werden zuweilen gewisse Aehnlichkeiten der Dinge bemerkt und als Zeichen benutzt. Diese Zeichen werden im Talmud gewöhnlich mit den Worten: ‘■pa'ö'i „dein Zeichen sei" angeführt. Vgl. Sabb. 60,2. Pesach. 114, a. R. hasch. 25, 1. Jom. 21, 2. 28, 2. 42, 1. Sukk.