Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1849)
- Date
- 1849-12-10
- Page
- Seite 718 (sequence 10)
- Language
- German
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718 ten die Juden ihr Osterfest feiern. Außerdem „weiß man", daß ihr Osterbrod Gott nur angenehm ist, wenn es mit Blut von einem Christenkinde gemischt ist; so nahmen die Voraussetzungen ihren Gang, vor Tagesende war Castro als Mörder des verschwundenen Kindes angeklagt und überführt. Die Justiz erwachte bei diesem düstern Gerücht, der Magistrat ließ eine Nachsuchung in der Wohnung desjenigen, den'die öffentliche Stimme des Verbrechens anklaate, vornehmen; man fand in der Küche Blutspuren, welche Castro, obgleich bewegt und bestürzt, als ganz natürlich erklärte, indem ec sagte, daß, da er nur Geflügel, das nach den mosaischen Vorschriften getödtet, äße, er sein eigener Schochet sei; unglücklicherweise befand sich der Schuh des Kindes in Blut gebadet dort vor; man setzte die Nachforschungen fort und entdeckte in einem ganz frisch gegrabenen Loche die Kleidungsstücke des Kindes im Garten.... Kein Zweifel mehr, ein großes Verbrechen war verübt, und die Schuldigen konnten Niemand anders als Castro und Marianne sein, die sogleich festgenommen und in's Gefangniß geführt wurden. Am andern Morgen kam die unglückliche Mutter an, und ihr Geschrei und ihre Verzweiflung hallten in der ganzen Staot wieder. „Gebt mir mein Kind zurück," schrie sie schluchzend, „gebt mir mein Leben wieder, meine Hoffnung, mein Glück; laßt mich nicht sterben, sagt mir, daß dies Alles nur ein schrecklicher Traum ist; im Namen Gottes, gebt mir mein Kind zurück!" Und man weinte um sie her, und die Bevölkerung erhitzte sich, und man sprach davon, eine Bartholomäusnacht an den Juden des Ortes zu machen, und die Behörden hatten alle Mühe, die Ordnung zu erhalten, indem sie verhießen, daß der öffentlichen Meinung volles Genüge geschehen solle. Unterdessen wurde die gerichtliche Untersuchung durch einen neuen Zeugen verstärkt. Rabusson, von seiner Pachtung zurückgekehrt, heuchelte das größte Erstaunen bei Anhörung aller dieser Einzelheiten, und indem er sich heftig vor die Stirn schlug, ließ er sich, wie unvorsichtiger Weise, die Worte entwischen: „Dies also die Ursache ihres Zornes!" Gedrängt von dem Richter, dieses Stillschweigen zu erklären, sagte er mit dem Schein eines liefen Schmerzes aus, daß er am Abend vor dem Bekanntwerden des Verbrechens in das Haus Castro's tretend, um von ihm einen nachbarlichen Gefallen zu erbitten, den Laden leer getroffen habe, und als er in ein inneres Zimmer hatte eintreten wollen, Klagegeschrei zu hören geglaubt, daß in diesem Augenblick Castro auf ihn losgekommen sei, indem er wie ein mit einer geheimnißvollen Arbeit beschäftigter Mann ihn gröblich angerufen, und als er ihm auf diesen ungestümen Empfang mit ruhigen Bemerkungen geantwortet, sei er zurückgestoßen, beschimpft, vor die Thüre geworfen und geschlagen worden. Diese Aussage, gestützt auf das Zeugniß der Nachbaren, die dieser Szene beigewohnt, ohne den wahren Grund zu kennen, diente der doppelten Taktik des Rabusson, seiner Rache und der Wiederherstellung seines Rufes, wie sie niederbeugend für Castro war, den man im Voraus für zum Tode verurtheilt betrachtete. Ein einziger Mann widerstand muthig der blinden Erregtheit der Einen und der Niedergeschlagenheit der Anderen, es war Prosper Vidal, der nicht aufhörte, laut die Dummheit der Anklage und die Unschuld Castro's auszusprechen, so wie die engelhafte Reinheit Mariannens. Er klopfte an alle Thüren an, forderte zwanzig Personen zum Duell, besuchte die Advokaten, die Richter und den Staatsanwalt, und wurde überall zurückgewiesen und gelästert. „Wie," schrie er leidenschaftlich aus, „wie! wir, die wir das Blut verabscheuen, wir, welche die Erben eines Gesetzes des Friedens und der Liebe sind, das uns nicht allein den Mord verbietet, sondern das geringste, einem Geschöpf Gottes zugefügte Leid; wir, welche durch unser Osterfest eine biblische Erinnerung feiern, die so viele Jahrhunderte alter als das Christenthum ist, wir sollen die Verpflichtung haben, christliches Blut unserm Osterbrod beizumischen! Aber dieses Vorurtheil ist gehässig, das chrißt eine Religion verleumden, welche die Mutter der Eurigen ist, das heißt unsere Geschichte und Sitten belügen, das heißt beweisen, daß ihr niemals auch nur eines unserer geheiligten Bücher geöffnet habt!" Dann erinnerte er an die lautere Vergangenheit Castro's, an seine häuslichen Tugenden und sein öffentliches Leben; er sprach ehrerbietig von der Güte und Mildthätigkeit Mariannens und frug, wie man nur einen Augenblick sie eines so großen Verbrechens schuldig halten könnte. Die vernünftigen Menschen (das sind überall und stets die Minderzahl) antworteten, darin läge allerdings Etwas, was Aufmerksamkeit verdiente; die leidenschaftlichen Menschen (die fast immer die Mehrzahl bilden) schrieen, daß die schlecht verstandene Religion zu aller Zeit Verbrechen begehen ließ; und endlich die boshaften Menschen (und diese stehen immer an der Spitze der blinden und unversöhnlichen Massen) heulten die Worte Rache und Tod den Juden. Prosper Vidal kehrte in Verzweiflung zurück, die