Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1849)
- Date
- 1849-12-10
- Page
- Seite 717 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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717 uns unerhört, daß ein Prediger unsers Kultus seinen heiligen Beruf so weit vergessen habe, seinen geweihten Stand dazu zu mißbrauchen, rohen Leidenschaften zu fcöhnen. Wir haben unter uns keine verblendeten Männer, die gefährliche politische Grundsätze verbreiten, die Geister berückend, die Herzen verderbend und sich endlich dann feige genug hinter eine Barrikade zurückziehend, um sichrer ihre Brüder mit entblößter Brust zur Vertheidigung der Ordnung schreiten zu sehen. Wir haben unter uns keine solchen Rabenmütter, welche die heiligsten Pflichten vergessen und ihre armen kleinen Kinder unter der schlechtesten Behandlung und dem unaufhörlichen Angriff tödtlicher Entbehrungen umkommen lassen. Wir haben unter uns keine solchen entwürdigten Geschöpfe, die Hauser ohne Namen halten, auf die schändlichste Ausschweifung und die scheußlichste Wirthschaft spekulirend, und die zum Unglück eine dreifache Geißel sind, da sie zugleich die Börse, die Gesundheit, und die Sittlichkeit angreifen. Wir haben unter uns nicht diese unwürdige Klasse Geschäftsagenten, die darauf sinnen, den Ruin und die Zwietracht in die Familien zu bringen, die sich bereichern mit dem reinsten Besitz des Opfers, und die mit einer so gefährlichen Geschicklichkeit die Unwissenheit und die Leichtgläubigkeit des Unglücklichen ausbeuten, welcher in den stets offenen Schlund der Höhle geräth, die sie ihr „Büreau" nennen.... Aber wir wollen unsere Gedanken nicht langer bei diesen Vergleichungen abschweifen lassen, sondern lieber auf Herrn Rabusson zurückkommen, den wir beschämt und verwirrt nach der derben, von der kräftigen Hand Castro's empfangenen Lehre zurückgelaffen haben. Wuth im Herzen und mit vor Zorn geballten Fausten war unser ehemaliger Liebhaber heimgekehrt, und fühlte sich von einem unauslöschlichen Rachedurst verzehrt. Er könne, sagte er, unter dem Drucke der soeben empfangenen öffentlichen Beleidigung nicht hier bleiben; was würde man am andern Morgen im Lande von ihm denken? er würde überall der Gegenstand des allgemeinen Gelächters werden, und was noch mehr, dies könnte ihm eine andere Heirathsaussicht, die dieser zahnlose Don Juan für diesen Fall im Rückhalt hatte, verderben. Auf diese Weise keimte in seinem von Haß und Zorn übersprudelnden Geiste ein höllischer Racheptan, den ec auch sogleich auf folgende Weise in Ausführung brachte. Castor, oder vielmehr seine Tochter, hatte aus Menschenliebe ein Kind, ohngefahr von zwei Jahren, einer armen christlichen Nachbarin gehörend, die eine Reise von fünfzig Meilen zu machen gezwungen war, zu sich genommen — denn bei einem wahren Israeliten erstreckt sich die Menschenliebe auf Alle, ohne Ausnahme des Religionsunterschiedes. — Dieses Kind entschloß sich der höllische Rabusson zu rauben. Wir haben schon erwähnt, daß sein Haus an das Castro's grenzte. Gegen zwei Uhr des Morgens erkletterte er, begünstigt von dem fallenden Regen und dem Geräusch, das der mit Heftigkeit pfeifende Wind verursachte, die Mauer, die den Garten trennte, befand sich dann inmitten beider Gebäude, drang bis zur Küche im Untergeschoß vor, glitt in das Zimmer des Kindes, nahm es mit seiner Wiege, und ließ in einer Absicht, die sich später kund thun wird, einen seiner kleinen Schuhe in der Küche zurück, und vergrub seine übrigen Kleidungsstücke in ein Loch, das er am Fuße eines Baumes im Garten grub. Beim Anbruch des Tages reiste er nach seiner zehn Meilen von der Stadt entfernten Pachtung, indem er sorgfältig ein Päckchen im Hintergrund seines Fuhrwerks, das er selbst lenkte, verbarg. Groß war am andern Morgen, wie man sich leicht denken kann, die Unruhe der Familie Castro, als sie dieses unerklärliche Attentat gewahrte; man suchte auf das Sorgfältigste in der ganzen Stadt nach dem Kinde, man machte den Behörden die bis in's Kleinste reichenden Mittheilungen, man überließ sich den sonderbarsten Muthmaßungen, Alles war vergebens, das Kind fand sich nicht wieder auf. Darauf erhob sich in der Stadt wie ein dumpfes Gemurmel, das bald immer hörbarer wurde, die Frage: „Was ist aus dem Kinde geworden?" — „Wie konnte es auf solche Weise verschwinden, ohne daß die Castro's Etwas davon wußten?" sagte der Winkelfleischer, bei dem Castro kein Fleisch nahm. — „Wie eine Mutter doch so unklug sein kann, fremden Leuten ihr Kind zu lassen!" sagte eine Bäckerin, die Castro's Haus mit ihrer Waare nicht versorgte. — „Es ist immer gefährlich, mit Juden zu verkehren!" drückte sich eine Kaufmannsfrau aus, der die Konkurrenz Castro's schadete. Und als wenn das Feuer an eine Pulverlinie gelegt worden sei, so wurden die Geister der Nachbaren plötzlich erleuchtet. Der Monat April war vor der Thür, in einigen Wochen woll- 50*