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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-12-10 · Heft 50 (10.12.1849) · p. Seite 715

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 50 (10.12.1849)
Date
1849-12-10
Page
Seite 715 (sequence 7)
Language
German
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715 sie noch zu essen anfangen, fängt Zeder sogleich seine Fragen in Talmud und dessen Kommentaren für den Andern aufzutischen an, um sich bsbs?a zu sein, und je mehr Jemand seine Stimme erhebt, desto mehr halten ihn die anderen Anwesenden für einen großen Lamdan (nn) und es versteht sich schon selbst, daß dieser große Lamdanschreier auch eine größere Münze von dem Hauswirth erhalten wird. Auch ist es bei den litthauer Juden eine Sitte, daß der Bräutigam — mag er den Talmud gelernt haben oder nicht — eine t-siB'-n bei seinem Hochzeitmahl in Gegenwart seines Melameds sagen muß, wofür er'nachher von seinen und seiner Braut Eltern, wie auch von den Freunden, goldene und silberne Gefäße zum Geschenke bekommt, sollte er aber das zweite Mal heirathen, so bekommt er nicht mehr solche Geschenke. Es vergrößern aber jetzt die Eltern die Mitgift für ihre Kinder, und wenn der 15- oder 18jährige junge Mann, der weder in Gelehrsamkeit noch in Schreiben und Rechnen bewandert ist, gleich nach der Heirath zu handeln anfängt, worin er gar keine Kenntniß hat, so kommt es nicht selten vor, daß nicht nur sein Kapital, sondern Alles was er nür auch einst etwa gelernt hat, verloren geht. Was soll ich Ihnen, mein Theurer, vom Kultus der litthauer und russisch-polnischen Juden, woraus sich eine dunkle Nacht gebreitet hat, so daß wir eine Morgenröthe nicht so geschwind voraussehen, mittheilen? Es ist der Schwäche jedes Menschen gewiß verzeihlich, wenn er in Stunden seines Leidens, seiner harten Bedrängniß von feindlicher oder brüderlicher Hand, den Gott der Wahrheit und Gerechtigkeit um Hilfe und Rache gegen seine Verfolger anruft. Es ist daher auch kein Wunder, wenn in manchem Gebet, das aus uralten Zeiten und blutiger Verfolgung herrührt, noch Spuren der Verzweiflung, des Haffes sich finden, welche die Reinheit des Gebets trüben. Bedenken müssen wir aher, daß jene Geschlechter, für welche solche Gebete gegründet waren, längst vergangen, und daß wir weder den Inhalt solcher Gebete, noch das wilde und fürchterliche Schreien darüber in der Synagoge zur Anwendung bringen dürfen. In den großen Städten, wo sich auch große und schöne Synagogen (Esha) auf einem Hofe zusammenfinden, sagt man des Morgens einige Kapitel Psalmen, worauf nachher sogleich täglich das Morgengebet durch einen bar« oder sonst durch einen armen Juden in einer Dauer von 14/2 Stunden verrichtet wird; ebenso auch das Abendgebet, und nach jedem Gebet wird die Synagoge geschloffen. Nicht so aber in den B'izma tb, worin sich auch noch kleine Bethäuschen finden für die verschiedenen Chebrot, welcher jede große Gemeinde sehr viele besitzt, wie z. B. Chebro Mischnais, Chanun Dalim, Menorat Hamoer, Schomrei Sabbat, und worunter manche auch einen sehr guten Zweck haben. In diesen Bethäusern, besonders in den großen '2, wird stets gebetet und in den großen Folianten des Talmuds geblättert, während die Jeschiwa-Bachurim dazu noch ein Liedchen singen oder ihre ungeheueren Stimmen erheben, womit sie wetteifern und sich hin und her schaukeln. Der (Pöbel) führt sich, in diesen Bethäusern folgender Art auf: des Morgens gleich nach dem (vawnen) Gebete, nimmt jeder, der nur zu lesen im Stande ist, ein ^ied, und Alle sagen, dieser ein Kapitel Psalm, jener ein rvnsiBn 's, Pentateuch mit und ohne den Kommentar Rasche und Targum, die Bibel, Midrasch, auch ein Blättchen Talmud u. s. w.; währenddessen sammeln die armen, in Lumpen umlaufenden Kinder der Chebro Talmud Tora und sonstige Klausner Almosen, wofür sie bei den armen Weibern, die in den Vorhäuscrn der Synagoge und auf den Schulhöfen sitzen, Kartoffeln, Bohnen u. dgl. aufkaufen, und muß der Borbeigehende höchst erstaunen, da er auf den Schulhöfen solchem Handel zusiehet, und wenn die Käufer und Verkäufer sich zanken, wozu noch die Bedienten (bitbbib) der Synagogen herbeilaufen, da sehen wir den Schul- und Marktplatz in einen Kampfplatz verwandelt. Nachdem aber der Faustkampf sich vergrößert hat, fliehen die Klausner mit ihren Kartoffeln, um sich in “iara unter und über dem Ofen zu verstecken. So wird in den Synagogen und deren Höfen beinahe der ganze Tag zugebracht, bis das Minchagebct durch den Schulklepper angckündigt wird. Da sammeln sich auch alle Schneider, Schuhmacher, Holzhacker re., um sich im n»na bei dem Ofen zu wärmen, eine ttvanp zu hören, und nachher, wenn Jemand in der Bibel, im Schulchan Aruch oder Midrasch Etwas vorliest, so spitzen sie auch dabei ihre Ohren; sollte aber nach dem Minchagebet ein durchreisender Prediger erscheinen, da bleiben alle Vorleser still, und der ■jiB'n fängt sogleich seine Gleichnißreden an zu predigen, um den Pöbel anzulocken, besonders im Monat Elul, wo die litthauer Juden nach einem

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