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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-12-10 · Heft 50 (10.12.1849) · p. Seite 711

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 50 (10.12.1849)
Date
1849-12-10
Page
Seite 711 (sequence 3)
Language
German
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711 Sturme sein Dach zertrümmert, bei verkündetem Erdbeben seine letzte Stütze verläßt! Das Judenthum stand bei dem Untergang schon mancher alten Welt, und bei der Wiege schon mancher neuen Welt, es stand aber und stand, es ging nicht unter und ward nicht wiedergeboren, sondern es blieb. Ihr Juden, die Ihr solch bewährtes Bleibendes habet, Ihr gebet es jetzt mehr auf als je, und werfet Euch vom bergenden Nachen in die wilde, strudelnde Brandung? Ihr, Thoren! Und was kann Euch dazu verleiten? Nur der Jüngling sehnt sich aus dem Vaterhause, der unerfahrene, weil er die fernen Berge in blauem Nebel sieht, und alles von ihm nicht Gekannte mit romantischen Bildern umkleidet. Aber Israel ist kein thörichter Jüngling mehr, und sollte wissen, daß Alles eben nur ist, wie es ist, und das Fremde nicht anders als das Heimische. Es steht einem ältlichen Manne schlecht, die Rolle des Neulings zu spielen. Und was könnte ihn dazu verleiten? Mit dem Judenthume kann Keiner brechen, er breche denn mit der gesammten religiösen Anschauung, er leugne Gott, er leugne die Notwendigkeit einer' Ursache, die außer dem Geschöpfe liegt, er sehe die Welt für ein Haus des Zufalls an! Und wenn die Gesellschaft wankt, wo läge denn irgend eine Sicherheit, als in den ewigen Gesetzen der Sittlichkeit, welche Euer Judenthum verkündet hat und verkündet? Und wenn die materielle Welt wankt, wo läge eine Sicherheit als in der Ueberzeugung, die Euch Eure Geschichte tausendfach giebt, daß Gott aus jedem Ehaos eine neue Welt baut? Also dies sei unsere Leuchte, die wir hinaushatten in die Nacht der Zukunft, dies der Stab, der unsere Schritte festigt, wenn der Boden wankt. Daß es aber also sei, müffen die Juden eine ganz andere Innigkeit für ihr Judenthum haben und bethatigen, denn bis jetzt in der neuern Zeit. Man hat oft die Glaubenstreue der Juden gerühmt. Wir, die wir innerlich Bescheid wissen, wir wissen aus der neuern Zeit wenig davon Larmens zu machen. Denn wir wissen, wie die Juden angefangen haben, jedem Wahngebilde der Zeit nachzulaufen, und Ehimären sich zu ergeben; wir kennen das Achselzucken und Nasenrümpfen, Verleugnen und Verschleiern; wie schrumpft die Glaubenstreue oft nur zur Gewohnheit, zu Familienverhältnissen und — eben zu Nichts zusammen! Die wahre Glaubenstreue ist nur die, welche in dem, was sie mit den Armen des Geistes umfaßt, das alleinige Heil, die einzige Stütze, den Grund und Halt findet! O, wie ärgerte ich mich, als so viele Juden Rießern zujubelten, als er deutlich zu verstehen gab, ec bleibe nur Jude aus dem Ehrenpunkt, eine in Nachtheil stehende Partei nicht verlassen zu haben. Das war eine Schmach dem Judenthum angethan, ein Piedestal aus dem Judenthume für die eigene Person gemacht, die ich nicht verzeihen und nicht verwinden konnte. Das Judenthum war in dem Augenblicke schlechter vertreten, als in allen seinen Jahrhunderten. Das ist keine Glaubenstreue, und solchen Dingen gegenüber kann auch das Judenthum das nicht gewähren, was wir oben als unsere Rettung und seinen Beruf bezeichneten. Nein! dann ist es dies erst, wenn Ihr wisset, es bleibt von dieser zusammenstürzenden Welt Nichts übrig, als das sie überragende Judenthum; wenn Ihr fühlet, hier ist Euer Schiff hinter den schützenden Hafendämmen! Mir schwebt nun freilich Vieles vor, wie diese Gesinnung zu verbreiten und zu stärken wäre. Daß sie vorhanden ist, ist mir nicht zweifelhaft. Ich würde sie sonst gar nicht aussprechen. Aber — nicht um ihrer selbst — um ihrer einmaligen Bekenner willen muß eine Religion Propaganda machen. Ha! nicht nach außen, nicht jene Seelenkupplerei, die keiner Religion Segen bringen kann, da sie nur Elemente in sie hineinbringt, die ihr zum Verderben gereichen. Aber innen, im Kreise ihrer Bekenner selbst. D a muß sie Propaganda machen, d. h. sie muß die höchsten Anstrengungen machen, die Menschen für sie inniger, die Menschen überhaupt innerlicher zu machen. Ich sage, mir schwebt da Mancherlei vor, wie Vereine, religiöse Volksschriften u. dgt. — aber ich will ja, als gesetzter Mann, nicht die Rolle des Neulings spielen — und, was ist dergleichen wot noch zu erfinden, was Sie, liebster Doktor, nicht schon vorgeschlagen haben, ohne daß es eingeschlagen.... Wie froh bin ich, daß ich einmal wieder Etwas vom Herzen herunter habe-herunter? O nein, es liegt mir schwer, schwer da innen, und ich werde es wol nie ganz herunter bekommen.... Ihr rc. rc.

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