Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1849)
- Date
- 1849-12-03
- Page
- Seite 694 (sequence 2)
- Language
- German
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694 wir sind weit von der Pietisterei, von jener heuchlerischen Pietisterei entfernt, welche Gott und Frömmigkeit nur zur Larve ihrer Herrschsucht macht. Die religiöse Anschauung, die ich meine, die echt israelitische Anschauung ist einereine, lautere, und die politischen und sozialen Dinge beherrschend. Ich will es Dir zeigen. Denn zuerst ist die religiöse Anschauung, nicht unparteiisch, sondern ü b e r den Parteien stehend. Die Partei ist der in Konsequenz ausgeführte Ausdruck Eines Gedankens. Aber die religiöse Anschauung sieht nur in der Gesammtheit den ganzen göttlichen Gedanken; sie hangt an dem Leben, deß Theile Alle sind; ihr lebt nicht einmal Eine Zeit, sondern alle Zeiten, als ebenso viele Theile des Ganzen. Dann ist aber auch die religiöse Anschauung, nicht jene asketische, jene die Menschenwelt zurückweisende, und in die Himmel verzückte, sondern die, welche Alles, was eristirt, vom Geiste Gottes durchdrungen halt, welche die Menschheit in ihrem Ringen und Schaffen als ein Gefäß des göttlichen Geistes ansieht. Darum ist die religiöse Anschauung auch nicht eine Solche, die an dem Moment hangt, und das nur für das Alleinrichtige hält, was eine Zeit zu Tage fördert, sondern indem sie was geschieht als Wirkung und Ursache zugleich betrachtet, ist es ihr nur ein Glied in der großen Kette, die Gott gliedert. Darum ist sie endlich leidenschaftslos, indem sie sich nicht empört bei den Jrrthümern und Selbstsüchteleien der Menschen, dieweil sie diese als der menschlichen Natur eingeboren weiß. Und was sagt uns denn nun die religiöse Anschauung? Das Ganze ist allein Ziel alles Einzelnen, und in diesem Ganzen wohnt der Wille Gottes, und verwirklicht sich in ihm. Thor, der Du nur auf das siehst, was gestern und heute geschehen, und Dir das Morgen daraus herleitest, und darüber frohlockst oder verzweifelst! Auf weiten, weiten Bahnen, aber im sichern, nimmerschwankenden Vorwärts führt Gott-seine Menschenwelt. Ob eine Zeit sich in jähem Aufbrausen vorwärtsstürzet, und dann wieder zurückweichet, vielleicht weiter zurück, als sie schon stand — ob ein ganzes Geschlecht untergeht, Jahrhunderte der Nacht zurückkehren, aber damit sich desto nachhaltiger ein neues Licht Bahn bricht, das Jahrtausende leuchtet — Thoren, die dadurch zweifeln — die Folge der Zeiten macht es offenbar, wie es Gott damit gemeint, und wie er alles dies zum Heile gewandt. Thoren, die jubeln, wenn sie die Menschenwelt zurückgeschroben zu haben glauben, wahrend eines Morgens ihr mühsam gebautes Werk zusammenstürzt. Thoren, welche wehklagen, weil ihre Ideen der Besserung scheitern, welche vorwärtsstürzen, und nun Verdammniß rufen, weit die Welt ihnen nicht nachstürzt. Ja, sie Alle sind fern von der religiösen Anschauung, die da sagt: die Menschheit wird durch Gott vorwärts geführt, aus Fluth und Rückfluth rückt sie langsam vorwärts, Nichts geschieht ohne Ursache, Nichts bleibt ohne Wirkung, darum jagt sie nicht vorwärts, darum eilt sie nicht rückwärts. Die religiöse Anschauung sagt daher zum Einzelnen: Du darfst nicht für Dich, in Deiner Spanne Zeit die Verwirklichung des Idealen, die Erreichung des Höchsten erwarten, sonst täuschest Du Dich; Du bist ein unendlich kleiner Theil der Gesammtheit, die nicht blos neben-, sondern auch nacheinander besieht, und als Solcher mußt Du des Guten nur Einiges, des Bessern nur Etwas erwarten, dann täuschest Du Dich nicht, dann bist Du aber auch sicher, daß sich Alles erfüllt, was Du als wahr und gut erkanntest, nur nicht heute und morgen, und so lange Du lebest. Dies ist die echt israelitische Ansicht; denn Israel ist ein alter Stamm, der in der Vorzeit wurzelt und seitdem durch alle Zeiten gesprossen; Israel reichet durch alle Völker und sie gehören ihm alle zu, wie er ihnen; Israels Lehre ist „nicht im Himmel, sondern ganz nahe, im Herzen" (5 B. Mos.); Israels Lehre sagt: Gott führt die Gesammtheit der Freiheit, dem Rechte und der Wahrheit zu. Mit diesem Maßstabe, Israelit, miß was geschehen und geschieht, und es ist Dir klar, wohin und wohinaus die Menschenwelt geht! Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin. 21. November. In der gestrigen Sitzung der zweiten Kammer wurde die Schulfrage zu Ende gebracht. Wir heben noch einiges Interessante hervor. Es galt den vielbedeutenden §. 21. Bieck: Kirche und Staat müßten Beide Einfluß auf die Schule haben. Die Volksschulen seien bis jetzt allenthalben konfessionell, und würden da, wo eine Konfession übcrwiege, immer konfessionell bleiben.