Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1849)
- Date
- 1849-11-19
- Page
- Seite 678 (sequence 14)
- Language
- German
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678 Häuser, so gut es gelingen mochte. Die Verwundeten wurden verbunden und gepflegt. Kaum war der Morgen unter solchen Beschäftigungen angebrochen, als die Raubmörder wieder brüllend heranstürmten und den schrecklichen Kampf und die entsetzlichen Missethaten des vorigen Tages fortsetzten. Aber des Nachmittags wurden sie plötzlich von einem panischen Schrecken ergriffen/ wie einst die Aramaer im Lager vor Samaria. Die Bürger hatten sich nämlich auf dem großen Ringe versammelt und tumultuarisch berathen, wie diesem Blutbade ein Ende gewacht werden könne, denn sie fürchteten, daß zuletzt auch sie eine solche feindselige Behandlung erfahren möchten, oder daß die Judenstadt angezündet würde, wodurch für die ganze Stadt Feuersgefahc entstehen könnte. Die Raubsoldaten aber glaubten, daß die Preußen die Stadt überfallen hätten; darum flohen sie hastig in ihre Quartiere zurück, um ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Von der Waffecgaffe war ein Schwarm in die Rabbinergasse herabgezogen. Ein Trommler führte ihn an. Es war der Enkel des Lipmann Weil. Als er erfahren hatte, wer der von ihm denunzirte Spion sei, wurde er von bitterer Reue ergriffen, daß ein falsches Schamgefühl die Stimme der Natur unterdrückt, wodurch er seinem Varer mittelbar den Tod gegeben habe. Seine Mutter, die auf dem Wege der Gnade Erlaubniß zur Rückkehr in ihre Vaterstadt erhalten, und sich als Aschensammlerin ernährt hatte, suchte den trauernden Sohn zu trösten, indem sie ihm vorstellte, daß ec ein verdienstliches Werk der Rache an ihrem Verführer ausgeübt habe; daß er sich keine Gewissensvorwürse zu machen brauche, denn schon ihr Vater habe, wie sie erfahren, den Bruder seines Großvaters umgebracht und sei doch alt geworden. So wurde er von den widerstreitendsten Gefühlen zerrissen, das Leben war ihm zuwider, und er wollte den Tod in der nächsten Schlacht suchen. Da sah er beim Angriff der Judenstadt den Widerstand der Verzweiflung, und er freute sich im Herzen, daß er von den Händen seiner Verwandten väterlicher Seite fallen und auf diese Weise sich für das an seinem Vater begangene Verbrechen als Sühnopfer bringen könne, aber auch um diese Familie dem sichern Untergange zu weihen, damit sie gleichzeitig mit ihm umkomme. Er postirte sich vor das von seinem Großvater bewohnte Haus, die Trommel rührend, um seine Kameraden herbei zu locken, während er am Sturm und Raub keinen Antheil nahm. Lipmann wurde durch das Klagen und Heulen, Schreien und Toben auf die Gegenwart aufmerksam gemacht. Tiah mußte ihm den Grund der Verwirrung angeben. Da fühlte der Greis eine kindische Freude und er rief: „Das ist der längst erwartete Tag der Blutrache und der Tag meiner Herzenswonne; das ist der Tag, dessen Ankunft ich noch erleben mußte, wie Elias, der Prophet, es mir verkündet hatte. Ich freue mich, wie sich freuet ein Bräutigam mit seiner Braut; wie die Sonne aus ihrem Gemache steigt, um ihre Bahn zu laufen. Hole mir schnell meinen Hochzeitsrock, damit ich in Pracht den Tag seliger Lust feiern kann." Tiah mußte gehorchen, und der Alte schritt mit freudestrahlendem Antlitz in die Mitte der Stube. Da sauste eine Flintenkugel zum Fenster herein, und streifte sein Ohr. Er siel rücklings zu Boden, aber von dem betäubenden Falle löste sich der Gehörsinn von seinen Fesseln, und er vernahm den Tumult auf der Straße und den Trommelschlag vor dem Hause. Saeh hajom asah Adonai nagilah w'nism'chah bo! *) murmelte er unheimlich und erhob sich, an das Fenster Lappend, von welchem er seinen Neffen stieß. Tiah mußte ihm einen großen Stein reichen, und dem Schalle der Trommel folgend, warf er ihn mit neuverjüngter Kraft hinab. Da kreischte Katharine, welche von einem ahnungsvollen Triebe geleitet, ihrem Sohne nachgeeilt war: „Mein Sohn! mein Sohn! er ist erschlagen worden von seinem Großvater!" Heulend fiel sie über ihn her und suchte sein fliehendes Leben, mit Küffen aufzuhalten. Lipmann hörte die verhaßte Stimme, die ihm so wohlbekannt vorkam, als hätte er sie erst gestern gehört, weil er in verborgenem Grolle beständig an die Verführerin seines Sohnes dachte, um ihrem Andenken zu fluchen. Das Blut drängte sich gegen sein Herz zurück. Im Angesichte des Todes öffneten sich seine Augen noch einmal, und die gläsernen Blicke starrten hinab auf die blutige Szene. Eisenmenger ist todt! sagte er dumpf, sonst wäre er gekommen, um seine Strafe zu holen. Statt seiner kam sein Enkel! jauchzte er. Aber — er ist auch Dein Enkel! flüsterte ihm eine innere Stimme zu. Jsch haragthi l'phizi w'jaelaed l'chaburathi! * 2) lispelte er schauderhaft lächelnd und siel leblos in die Arme *) Diesen Tag hat Gott gemacht, laßt uns froh und fröhlich sein an ihm. Psalm 118, 24. 2) Einen Mann erschlug ich zu meiner Wunde und einen Jüngling zu meiner Beule. 1 Moses 4, 23.