Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1849)
- Date
- 1849-11-19
- Page
- Seite 677 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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677 Bei dem frühen Anbruch der Winternacht saß Hirsch traurig und niedergeschlagen Ln dem Thurme neben dem Stabsstockhause bei einem Defserteur, der des andern Tages erschossen werden sollte. Die Vergangenheit schwebte in dunklen Gestalten vor seinem innecn Blicke vorbei, wahrend ihm die Zukunft nur das Bild eines schrecklichen Todes zeigte. Der Flüchtling betrachtete ihn lange schweigend, dann sagte er: „Freund! warum so traurig? Weil Du nicht im weißen Thurme bist, wo die adeligen Verbrecher sitzen? Laß die Hoffnung nicht fahren! Mit vereinter Kraft reißen wir die Eisenstabe aus den Mauern, ein beherzter Sprung, und wir sind frei wie die Vögel in der Lust. Der schneeumwölkte Himmel begünstigt unser Unternehmen. Hirsch lebte wieder auf, denn der Antrag fand seinen Beifall, und er glaubte, daß ja sein Leben ohnedies verloren sei, wenn man ihn erkennen werde. Sie gingen an die Arbeit, die ihrer Anstrengung bald gelang, denn der Defserteur war ein Gauner, der früher schon öfter aus den Kerkern entsprungen war. Hirsch betete zu Gott und rief angsterfüllt alle guten Engel um Beistand an. Zitternd trat er mit seinem Gefährten die Lustreise an. Ein Schwindel ergriff ihn, und er stürzte polternd auf den gepflasterten Boden. Der in nächtlicher Stille dumpfdröhnende Fall führte die Wache herbei, welche sah, was geschehen war. Der Dessecteur blieb einige Sekunden betäubt liegen, dann raffte er seine Kräfte auf und entfloh. Hirsch aber konnte sich nicht mehr erheben, denn es waren ihm beide Füße zerschmettert. In seinen Schriften fand man Belege für seine Geburt und sein Herkommen. Seine beabsichtigte Flucht bestärkte den gegen die Gemeinde gehegten Verdacht. Das Militär jauchzte, denn es hatte sichere Aussicht, reichliche Beute ohne Lebensgefahr machen zu können. 4. Angriff und Abwehr. In der Iudenstadt sah man mit banger Angst dem Ausbruch zügelloser Ausschweifungen entgegen. War Landau s R.Uft in Bett, ff dcs dem F<4dbcrrn zu machenden Geschenkes verworfen worden, so wurde dagegen sein Antrag befolgt, sich auf alle Fälle gefaßt zu machen und mit allen möglichen Waffen zur Nothwehr zu versehen. Die Thore wurden verrammelt, der Schmutz von den Gassen hknweggeräumt und das tief unter demselben angebrachte Pflaster aufgerissen. Man trug die Steine in die Stuben hinauf und verbarn'kadirte die Hausthüren. Unter diesen rastlosen Vorkehrungen war der folgende Tag angebrochen. Man besuchte die Synagogen und las, da es Donnerstag war, den laufenden Abschnitt aus dem ersten Buche Moses vor, worin das Unglück Jakobs erzählt wird, der, von Laban zurückkehrend, sich ruhig niederlassen wollte, aber seinen Sohn Joseph verlor, weil die Frommen sich nicht der Ruhe auf Erden freuen sollen, da es ja genug sei, daß sie im Jenseits die ewige Ruhe und ungestörte Seligkeit genießen werden. Man sah in dem leidensvollen Geschicke des Stammvaters das Schicksal seiner Nachkommen sich wiederholen, indem auch sie keine Ruhe auf Erden haben sollten. Man tröstete sich mit dem Gedanken, daß ja auch Jakob am Ende seines Lebens Ruhe erhielt, woraus man für sich dieselbe Hoffnung schöpfte. Man beschloß seinem Beispiel zu folgen, dem Feinde mit Gebet und Geschenken, aber auch mit gerüsteter Kraft zum Kampfe, entgegen zu gehen. Kaum waren, sie zu Hause, als die Feinde wild und regellos herantobten. Sie stürmten vom Valentinplatze gegen das Thor, das sie verrammelt fanden und vergebens zu erbrechen suchten. Die Plünderer vertraten sich wegen ihres drängenden Gewühles gegenseitig den Weg; darum vertheilten sie sich, um die sechs Thore gleichzeitig zu berennen. Am Thore des Satiterberges legten sie Leitern an und stiegen in die Stadt hinein; aber die aus den Fenstern heraus und von den Dächern herab geschleuderten Steine zerschmetterten ihnen die Schadet. Wüthend durch diesen unerwarteten Widerstand drangen sie in Haufen herein, räumten die Barrikaden hinweg und öffneten auch die anderen Thore. Jetzt suchte sie die Hausthüren zu erbrechen, aber auch hier fanden sie verderbenbringende Gegenwehr. Sie schossen zu den Fenstern hinauf und ihre sicheren Kugeln trafen die Opfer der Habsucht. Gräßlich war das Wehgeheut der Betagerten, aber das fließende Blut der Söhne und Töchter, der Vater und Mütter, der Frauen und Schwestern, spornte sie zum Kampfe der Verzweiflung an, bis die Steine verschleudert waren. Da stürmten die Räuber in die Häuser und begingen die schändlichsten Handlungen grausamen Blutdurstes und thierischer Raubwuth, bis die Nacht hereinbrach und sie den Rückzug nahmen, nachdem sie die Thore zerstört hatten, um des andern Tages ungehindert zurückkehren zu können. Aus diesen Maßregeln erkannten die Israeliten die Absicht der Würger. Sie sammelten daher in aller Eile wieder die verschleuderten Steine und verrammelten die