Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1849)
- Date
- 1849-11-19
- Page
- Seite 676 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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676 „Woher seid Ihr?" rief sie dem eintretenden Packenträger zu. „Von Prag," war die kurze Antwort. „Von Prag? so seid Ihr falsch wie Galgenholz, denn alle Böhmen sind falsch." Hirsch, der von ihr gehört zu haben schien, überhörte den höflichen Gruß. „Braucht Sie keine Messer und Gabeln?" fragte er im Handelstone. „Nein, behaltet sie für Euch!" „Braucht Sie keine Niederländer Spitzen?" „Ja," antwortete sie eifrig und freundlich, „kommt her, laßt sie sehen!" Hirsch aber ewiderte höhnisch: „Spitzen will Sie haben, aber Messer und Gabeln verlangt Sie nicht? Sie kann sehen, wo Sie bekommt!" Rebekka überhäufte ihn mit einem Schwall von Schimpfwörtern, aber Hirsch lachte ihr ins Gesicht, daß sie wider Willen mitlachen mußte. Er forderte dreist seinen Antheil an den Vackwerken, den er auch erhielt. Wahrend er mit dem Einpacken beschäftigt war, fragte sie ihn, ob ec schon lange nicht in Regensburg gewesen sei? Dort wohne die Schwester ihrer Mutter. „Ich komme von Regensburg," entgegnete er, indem er den ekelhaften Saft des im Munde kauenden Rauchtabaks zwilchen den Zahnen hervorspritzte. „Als ich fortging, ist ein großes Unglück geschehen. Ein fremder, junger Mann, ich glaube, es war der hiesige Vorsteher, ist plötzlich an einem Schlagfluß gestorben." „Sch'ma Israel! das ist mein Mann, mein guter Mann!" schrie die Frau, indem sie die Haube vom Kopfe riß und sich jammernd auf den Boden warf. „Sch' Sie jetzt wieder auf," lachte Hirsch, „ich habe schon geschen, daß Sie in Einer Minute brav und bös sein, lachen und weinen kann. Ihr Mann ist frisch und gesund und kann jeden Augenblick heimkommen." Eben trat Raphael zur Stube herein. Er fragte erschrocken, was diele Trauer bedeute, worauf sie erzählte, was der Gast gelagt habe. „Ich habe," ergänzte Hirsch, „mit Eurer Frau Komödie gespielt. Sie hat mir gemacht ein Trauerspiel;um Lachen, darum habe ich ihr ein Lustspiel zum Weinen gemacht'" Da lächelte der Vorsteher und sprach sehr heiter: „Ihr habt ganz recht getban, daß Ihr meine Frau erschreckt habt, denn sie wird Euch gewiß gescholten haben. Zum Lohne |cUt Ihr morgen bei mir zu Gast geladen sein." Hirsch nabm mit Freude die Einladung an. Am Tische mußte er von seinen Schicksalen und Abenteuern erzählen. Diese Mittheitungen regten einen unendlichen Kummer in ihm auf, denn alle Menschen, die von ehrbarer Familie abstammen, aber sich ihres Glückes durch die eigene Thorheit beraubten, empfinden in manchen Stunden eine tiefe innere Reue, während die Personen, die seit ihrer Kindheit das Beispiel moralischer Verderbtheit vor Augen sahen, in Sünden und Lastern verstockt bleiben. Raphael bezeigte ihm seine Theilnahme und machte ihm Hoffnung, daß er wieder nach Hause dürfe, denn man werde ihn nach Abfluß eines solchen langen Zeitraums gewiß nicht mehr erkennen. „Ich selbst," fügte er bei, „werde, da ich ohnedies Geschäfte in Böhmen abzumachen habe, etwa im nächsten Dezember nach Prag kommen, um einen gemeinschaftlichen Rabbiner für unsere Gemeinden zu holen, denn in Prag giebt es ja große Schriftgelehrre, welche sich freuen werden, eine gute Anstellung zu erhallen. Um jene Zeit kommet auch nach Prag, und ich will sehen, was sich für Euch thun laßt." Hirsch war hocherfreut über diesen Antrag, der ihm wie aus der Seele gesprochen war. Sein Mund übersprudelte von den Ausdrücken des tiefsten Dankgefühles, aber auch von dem Lobe, das er dem Sohne seines Onkels, dem Appellanten Nethanel Weil, zollte, da er demselben das Loos eines Landrabbiners des Schwarzwaldkreises um so mehr wünsche, als die Frau Vorsteherin zwar eine bittere Zunge, aber ein desto süßeres Herz habe. Rebekka schmunzelte freundlich beistimmend, Raphael beschenkte ihn großmüthig, und Hirsch trat seine Wanderung nach dem angewiesenen Ziele an, in dessen Nahe angekommen, sein Herz gewaltig pochte, da er durch verschiedene Gegenstände an die glückliche Jugendzeit erinnert wurde. Er wagte es aber nicht, die Stadt zu betreten, und sah sich ängstlich nach allen Seiten um, ob seine Frau, die im letzten Dorfe zurückgeblieben, während ec sehnsuchtsvoll vorausgeeilt war, noch nicht kommen werde. Dadurch wurde er verdächtig und festgesetzt, als eben seine Frau ankam. Sie heulte ihm jammernd nach und bat um seine Freilassung, aber sie wurde mit Kolbenstoßen zurückgetrieben. Schreiend eilte sie zu den Gemeindealtesten, die sehr erschraken bei dieser Kunde, denn sie fürchteten, daß dieser Umstand zum Beweise ihrer Schuld benützt werden möchte. Sie beschlossen daher, die Ungnade des Machthabers durch ein kostbares Geschenk abzuwenden. Landau aber hatte richtig geurtheilt. Der Herr nahm das Geschenk an und that dennoch was er wollte.