Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1849)
- Date
- 1849-11-19
- Page
- Seite 675 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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675 denn er war gastfreundlich gegen die als Wanderer verkleideten Engel, als sie bei ihm einkehrten. So könne man ja noch immer nicht wissen, ob der oder der andere Gast nicht ein verkleidetes überirdisches Wesen sei? Sind doch alle Menschen nur Gaste in der Schöpfung Gottes, der sie speise und bewirthe; waren doch besonders die Kinder Israels nur Gaste, welche nicht wissen konnten, ob sie heute oder morgen von ihren Wohnsitzen vertrieben würden, so daß auch sie den Wanderstab ergreifen und unstätt und flüchtig umher irren müßten? Darum wurden von den Gemeinden Herbergen, die man „Schlasstätten" nannte, errichtet, in welchen die Wanderer übernachten und verweilen konnten. An den Sabbat- und Feiertagen wurden sie bei den Familien einquartirt, sie erhielten Billets, Blatte genannt, worauf der Name des Mannes stand, an dessen Tisch sie essen durften. An den Werktagen hausirten sie mit allerlei Warenartikeln, die sie auf dem Rücken trugen, weshalb sie auch „Packenträger" genannt wurden; oder es waren reisende Schriftgelehrte, welche besonders gut behandelt und freigebig beschenkt wurden; oder sie besuchten die Märkte und schnitten den Bauern die Geldbeutel ab, oder sie trieben das Handwerk der Taschendiebe oder der linken Geldwechsler. Was sie erbettelten und erwarben, verpraßten sie wieder in den Schlafstatten. Sie heiratheten Standesgenossinnen und zeugten Kinder, die zu demselben Gewerbe erzogen wurden. Der Name eines Gastes oder Orach wurde zur Bezeichnung eines garstigen, schmutzigen und zudringlichen Menschen gebraucht, aber dennoch die Gastfreundschaft gegen sie nicht verletzt, bis man vor einem viertel Jahrhunderte den unstaten Wanderern von Staatswegen bleibende Statten in den Gemeinden angewiesen hat, in welchen sie geboren, oder beschnitten, oder getraut, oder aufgegriffen worden waren. Einen solchen genußreichen Lebenswandel hatte auch Hirsch vierzig Jahre lang mit großem Behagen geführt. Aber jetzt wurden seine Haare grau, er fühlte die Schwache des Alters nahen. Er sehnte sich nach einer Ruhestätte, denn er hatte ausgetobt, und dachte über seinen jugendlichen Leichtsinn nach, der ihn in die Welt hinausgetrieben hatte. Ein Gast hatte ihm gesagt, daß sein alter Vater noch lebe, und dunkle Gefühle der Sehnsucht nach ihm regten sich mächtig in seinem Herzen. Ein besonderer Umstand fachte dieses Gefühl zum unwiderstehlichen Heimweh an. Auf seinen ewigen Wanderzügen kam er auch, mit seiner kinderlosen Frau, einer Korallensabrikantin, deren Herz sich auf der Landstraße ohne weitere Prüfung zu seinem Herzen gefunden hatte, in den Schwarzwaldkreis. Ec wollte die Gegend sehen, in welcher sein Vater und Großvater gewohnt hatten. So kam ec auch nach Haigerloch in dem Fürstenrhum Hohenzollern-Sigmaringen, wo Raphael Ben ja min Gemeindevorsteher war. Sein Haus war wegen der in demselben herrschenden Gastfreundschaft allen Gästen in der Nähe und Ferne wohl bekannt. Die Gemeinden in dieser Gegend waren noch jung und ausblühend, denn erst seit kurzer Zeit dursten sich hier Israeliten niederlassen. Bei dem Anfang des vorigen Jahrhunderts kamen mehrere Israeliten nach Hohenzollern-Heching en, und der damalige Fürst Friedrich Wilhelm erlaubte ihnen, kraft des auf die Dauer von zehn Jahren dekretirten Schutzbriefes, in den Dörfern des Fürstenthums sich niederzulassen. Sein Nachfolger, der Fürst Friedrich Ludwig, ertheilte ihnen zwar keinen Schutzbrief, aber er duldete sie stillschweigend. Auch die Fürsten von Sigmaringen, die Grafen und Barone von Möhringen, Baisingen, Texingen und Nordstetten gestatteten ihnen die Ansiedelungen. In dem Blute Israels liegt eine magnetische Kraft, welche die Kinder des Volkes durch eine innere Sympathie schnell vereinigt und verbindet. Bald kamen noch mehrere Glaubensgenossen in diese Orte und ließen sich häuslich nieder, denn im Herzogthum Würtemberg waren seit dem gewaltsamen Tode des Finanzministers Süß Oppenheim die Gesetze gegen die Juden in der Art wieder geschärft worden, daß sie sich in diesem Staate nicht niederlassen durften, und sobald sie das Gebiet betraten, einen Geleitsmann erhielten, der sie bis an die Grenze führen mußte. Die Gemeinden schlossen sich daher eng aneinander an und lebten gemeinschaftlich in Eintracht und Frieden. Jetzt erwarteten sie die Rückkunft Raphaels, denn der Rabbiner in Stein bei Hechingen war todt, und man wollte einen Landrabbiner anstellen, der seinen Sitz in Mühringen haben sollte. Am Fasttage Ester kam Hirsch nach Haigertoch in den Haag, eine abgelegene Thalgasse, wo die Israeliten wohnen durften. Er ließ seine Frau in der Schlafstatt ausruhen und begab sich in das niedere Häuschen des Vorstehers, dessen Frau, Rebekka, mit der Zubereitung der Backwerke für das Purimfest beschäftigt war. Sie war eine herzlich gute Frau; aber sie hatte die Gewohnheit, alle Menschen, die sie besuchten, zuerst zu schelten und dann ihnen große Ehre zu erweisen, Nahrung in Ueberfluß vorzusetzen und reichliche Gaben zu spenden.