Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1849)
- Date
- 1849-11-12
- Page
- Seite 662 (sequence 14)
- Language
- German
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«62 als Lieferanten bei der Armee gewesen seien, dem König von Preußen als Spione gedient haben müßten, deren Verrath schon so oft seine Kriegskunst vereitelt hätte. Darum rathe er, daß man sie sammt und sonders aus der Stadt verbannen solle. Mit diesem Berichte nicht zufrieden, nährte er den Gedanken, seinen raublustigen Truppen, die aus verschiedenen Staaten angeworben waren, die Judenstadt zur Plünderung zu überlassen, da sie unzufrieden murrten, daß sie statt der erwarteten Beute nur Wunden und Beulen erhalten hatten. Die Israeliten kannten seine Gesinnungen aus den mit schlechtverhehltem Grimme gegen sie hingeworfenen Aeußerungen. Die Gemeindealtesten beriethen sich daher mit den Mitgliedern des geistlichen Gerichts, wie das drohende Gewitter abzuwenden sei. Dieses Gericht bestand aus dem Obberrabbiner und sechszehn Beisitzern, Appellanten genannt, von welchen je vier abwechslungsweise eine Woche die betreffenden Amtsobliegenheiten zu versehen hatten. Nethanel Weil kam von der Sitzung zurück. Seine Söhne vernahmen seine Ankunft aus dem lauten Gespräche, welches er mit seinem jungem Amtsgenossen Jecheskiet Landau, ohne Rücksicht auf die strenge Kalte, auf der Gasse führte. Tiah sang daher das vorgelegene Talmudblatt mit seinem Bruder nach der eingeführten Melodie schreiend ab, damit sie von ihrem Vater gehört werden sollten. Verdrießlicher Ernst lag auf seinem Angesichte, als er die Thüre öffnete. Sein Freund folgte ihm in die warme Stube nach. Weil war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, schmächtig und hager, mit blassem, sanftem Angesichte, welchem der Kummer einen wehmüthigen Liebreiz verlieh. Landau war ein Mann von dreißig Jahren, hoch und stark gebaut. Die länglichte, etwas gebogene Nase, der breite Mund mir aufgeworfenen Lippen, der gekräuselte Bart, der sich vom Haupte an den Wangen herab bis auf die Brust zog, wo er spitz endete, die kühnblickenden, aber mildfreundlichen Augen verliehen dem Manne ein imponirend würdiges und muthvolles Aussehen. Sie trugen hohe Pelzmützen, die tief in die Stirne herein gedrückt waren, und eng anliegende, bis zu den Sohlen herabwallende Röcke mit weiten Aermeln, auf der Brust von Schnüren zusammengehalten. Das abgetragene Gewand bezeugte die dürftigen Umstände, in welchen sie Lebten, da ihr Einkommen in zufälligen Gaben und Geschenken bestand. Die Hochschule hatte sich seit dem Ausbruch des Krieges aufgelöst, denn die Studirenden waren Ln ihre Heimath zurückgeeilt, aus Furcht vor den Kriegsgefahren, oder daß sie zu Soldaten gewaltsam genommen werden möchten. Die Gelehrten hatten daher Muße, sich theils mit literarischen Arbeiten zu beschäftigen, und theils sich gegenseitig zu befreunden und wissenschaftlich zu unterhalten. Weil arbeitete an Scholien zu dem Kommentare des Rabbenu Ascher, für welchen ihm von seinem Oheim eine besondere Vorliebe eingeflößt worden war. Landau unterhielt eine bedeutende Korrespondenz mit den Theologen in der weitesten Ferne, welche in vorkommenden Fällen sein Gutachten einholten, da sein Ruf auf dem Gebiete der ritualgesetzlichen Kasuistik sehr verbreitet war. „Nethanel! komm' in die Kammer herein und sage mir, wie es geht!" rief hastig Vögele, seine Frau, aus dem Bette heraus. Seine Söhne erhoben sich schnell, um in die Kammer zu eilen, und gleichfalls zu hören, was es gebe. Da aber erblickte sie den jungen Appellanten, und sie verbarg sich unter der Bettdecke, jedoch neugierig auf die Worte lauschend, die sie vernehmen sollte. „Es gefallt mir nicht," sagte Landau, „daß man den Feinden noch Gold und Silber geben will, gleichsam zur Belohnung für ihre frevelhaften Gesinnungen. Sie nehmen das Geschenk und thun doch was sie wollen. Es reizt nur ihre Habsucht, denn sie werden glauben, daß ein großer Reichthum in unserer Stadt sei." „Man muß alle Mittel versuchen, um sie zu versöhnen," erwiderte Weil, „damit man sich, es möge gehen wie es wolle, keine Vorwürfe zu machen brauche." „Man könnte aber das Uebel noch vergrößern," entgegnete Landau, „denn sie werden sagen, daß wir unsere Schuld anerkennen, weshalb wir sie bestechen wollen, damit sie Gnade für Recht ergehen lassen." „Auch Jakob, unser Stammvater," versetzte Weil, „hat seinem Bruder Esau Geschenke gegeben, um ihn zur Freundschaft und Milde zu bewegen." „Aber auch für den Streit hat er sich vorbereitet!" rief Landau, „er hatte sich nicht schlachten lassen wie ein Lamm. Besser wäre es gewesen, man hätte den Betrag des Geschenkes an die Armen vertheilt, daß sie beten zu Gott um Hilfe, zu Ihm, der schon so oft geholfen hat, zu Ihm, der die Stärke des Heeres nicht achtet und auch den Schwachen mit seinem Geiste beleben kann, daß er stark und kräftig werde." „Was sollten wir thun?" sagte Weil im Tone der Resignation. L