Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1849)
- Date
- 1849-11-12
- Page
- Seite 661 (sequence 13)
- Language
- German
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661 mußten oft auch in der Ehe ihre Männer, welche sich mit dem Studium des Gesetzes beschäftigten, ernähren. Daher wurden Christenmädchen in die Häuser genommen, welche das Weißzeug für die Familien besorgten. Im Hause Lipmanns arbeitete die Näherin Katharine, mit welcher Hirsch ein Liebesverständniß anzuknüpfen wußte, dessen Folgen bald sichtbar wurden. Sie gebar einen Sohn und bezeichnete Hirsch als ihren Verführer. Zum Glücke war der frühere Gerichtsgebrauch, wonach dieses Vergehen von einem Juden gegen eine Christin verübt, als ein widernatürliches oder sodomitisches Verbrechen mit dem Tode bestraft wurde, abgeschafft, und von Kaiser Joseph I., der manche zeitgemäße Umänderung in der Justizverfassung getroffen hat, eine neue peinliche Hatsgrrichtsocdnung für Böhmen, Mähren und Schlesien erlassen worden, wonach in einem solchen Falle der Jude nur mit Ruthen bestrichen, und sodann er sowol als die Christin auf ewig des Landes verwiesen wurden. Lipmann wurde vernichtet von dem Gefühle der Schande, die ihn traf; aber für jeden Unglücksfall hatte er einen biblischen oder talmudischen Spruch, der ihn tröstete. Er sagte mit Rebekka: „Kazthi b'chajai mipne b'noth chet!"*) Mit kaltblütiger Anstrengung verbiß er seinen Schmerz und unterdrückte er sein Vatergefühl. Nie durfte mehr der Name seines Sohnes in seiner Gegenwart genannt werden, da er sein Andenken aus seinem Gedächtnisse gewaltsam gerissen hatte und nie wieder an ihn erinnert sein wollte. Die Vorsehung, welche keinem Menschen eine größere Last aufbürdet, als er ertragen kann, hatte ihn nicht hinter den Vorhang seines Elends, das für ihn schmerzlicher war als er ahnen konnte, blicken lassen. Katharine war nämlich eine uneheliche Tochter des Trommlers Eisenmenger, erzeugt mit einer Markendenterin. Sie wurde von ihrer Mutter einer Schwester übergeben, welche in der prager Neustadt wohnte und sich als Näherin ernährte. Sie zog das Mädchen für das ihr ein für allemal überreichte Kostgeld auf, bis es sich selbst sein Brod erwerben konnte. Eisenmenger hatte längstens schon den Tod bei einem Plünderungsausfalle gefunden, und seine Genossin war in Folge ihres ausschweifenden Lebenswandels gestorben. Katharine führte nach ihrer Verbannung aus Prag denselben Wandel, ihr Sohn aber wurde in das Waisenhaus gebracht und auf Kosten seines Groß- *) 1 Mos. 27, 46: Mir ist zuwider das Leben vor den Töchtern des Chet. Vaters Lipmann unterhalten. Schon als Knabe erhielt er eine militärische Erziehung, denn man bemerkte, daß seine Hände und Arme gelenkig seien, weshalb ihm frühzeitig eine Trommel angehangt wurde. Der junge Trommler wurde als „Juden-Hirschl" von seinen Kameraden beständig geneckt, wodurch sich sein Schamgefühl in eine feindselige Abneigung gegen das Volk seines Erzeugers verwandelte, und er, gleichsam um seinen Ursprung in Vergessenheit zu bringen, bei manchem Anlaß noch mehr Haß affektirte. Jetzt war er in Prag in der Augesder Kaserne. Friedrich II., König von Preußen, hatte nämlich auf das Kriegsglück der Kaiserin Maria Theresia, welche mit ihren Feinden einen für sie vortheilhaften Frieden abgeschlossen, mit eifersüchtiger Sorge gesehen. Er fürchtete für seine in Schlesien gemachten Eroberungen und siel, um sie zu sichern, wieder in Böhmen ein. Er wurde aber von dem Herzog Karl von Lothringen, dem Bruder des Gemahls der Kaiserin, zurückgedcängt, und die Oesterreicher und ihre Verbündeten erhielten in Böhmen die Winterquartiere. Sie ertaubten sich viele Ausschweifungen, denn zu jener Zeit war der Soldat der Herr des Landes, der Tyrann der Unterthanen. Die Hauptstadt war feit dem Ausbruch des Krieges um die böhmische Erbfolge schon oft der Schauplatz dieses Krieges gewesen. Zuerst wurde sie von den Franzosen, Sachsen und Baiern erobert; dann von den österreichischen Truppen belagert, um die eingeschlossenen Feinde zu verdrängen, und zuletzt von den Preußen eingenommen und besetzt, bis Friedrich von dem österreichischen Feldhecrn zurückgetrieben wurde. Während der Belagerung herrschte eine gräßliche Hungersnoth in der Stadt, daß die Armen halb verhungerten und die Wohlhabenden wegen des beispiellos theuern Preises der gewöhnlichsten Lebensmittel an den Bettelstab kamen. Friedrich suchte, nach seinem Einzuge, der Noch, so weit er konnte, abzuhelsen, und durch kluge Einrichtungen den Wohlstand wieder emporzuheben. Dadurch gewann er sich viele heimliche und öffentliche Verehrer, und besonders waren es die Israeliten, welche ihm gerne huldigten, da er sich vorurtheilsfrei gegen sie benahm, und die gewöhnlichen Bedrückungen gegen sie auszuüben nicht duldete. Darum war der österreichische Feldherr unzufrieden mit den Einwohnern Prags, die er seinen Unmuth über die im November des Eingangs genannten Jahres bei Hennersdorf in der Oberlausitz verlorene Schlacht durch harte Maßregeln fühlen ließ. Nach Wien aber berichtete er, daß die prager Juden, welche