Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1849)
- Date
- 1849-11-12
- Page
- Seite 663 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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„Was wir thun sollten?" entgegnete Landau unwillig. „Man lasse die Thore unserer Stadt verschließen und verrammeln, so wie auch die Thüren unserer Häuser, und jede Familie soll soviel Steine als möglich einsammeln, damit man sie zur Nothwehr gebrauchen könne. In diesem Hause wohnen dreißig Familien. Sollten wir den Räubern nicht Widerstand leisten können?" „Steine, Steine!" schrie Lipmann wie im Traume, denn er hatte die heftigen Worte vernommen. „Holet Steine, damit versteinigt werde der Trommler von der Gemeinde Israels, denn er hat Blut vergossen und sein Blut soll wieder vergossen werden! Versteinigt den Eisenmenger, den er hat gefrevelt an dem Volke Gottes und an den Schriften meines Lehrers!" Neihanel wurde schmerzlich ergriffen, als er an den schrecklichen Tod seines Vaters erinnert wurde. Aber er beherrschte seine Gefühle und sprach: „Mein Onkel erinnert uns an das von dem Professor Eisenmenger herausgegebene Werk: „das entdeckte Judenthum." Es ist eine Kloacke von Schimpf und Schmach, ein Gewebe von abscheulichen Lügen. Soll man schweigen? Soll man es nicht widerlegen? Gar viele nichtjüdifche Gelehrte möchten wähnen, es enthalte die Wahrheit, weil wir Nichts erwidern. Es ist ein giftiger Baum, der tödtliche Früchte trägt für uns und unsere Kinder. Am Ende wird es die Quelle, aus welcher jeder Feind unsers Glaubens seinen Haß schöpft, oder das Arsenal, aus welchem er die Waffen gegen uns holt." „Zu welchem Zwecke soll man dagegen schreiben?" versetzte Landau. „Die heilige Sprache wird nicht verstanden von nichtjüdischen Gelehrten, und Rabbi Nethanel verlangt doch nicht, daß man in deutscher Sprache schreibe? Das ist der Fluch unserer Zeit, daß man andere Sprachen lernt und unsere Gottesschriften vernachlässigt! Zuletzt übersetzt man noch die fünf Bücher Moses in die deutsche Sprache, und läßt die unreine Uebersetzung vorlesen in den Gotteshäusern!" „Ich habe unlängst", besänftigte Weil, „ein altes Buch gelesen, welches Salomon Zebi zu Aufhausen im Ries vor länger als hundert Jahren geschrieben hat. Er war weit gereist und hatte viel erfahren, in Deutschland und Welschland; treulose Freunde hatten ihn um sein Vermögen betrogen, aber dennoch verlor er nicht die Liebe zu unserm Volke. Er vergaß sein eignes Elend und die Noch seiner Frau und sechs Kinder, und unterzog sich unter Hunger und Kummer der Mühe, die falschen Beschuldigungen, die ein übergetretener.Jude, Namens Friedrich Brenz in Oettingen, in dem von ihm herazrsgegebenen „Schlangenbalg", gegen uns vorgebracht hatte, in einer Gegenschrift, die er „Theriak" betitelte, weil sie ein Gegengift gegen den Schlangenbiß fein sollte, als boshafte Verläumdungen darzustellen. Er klagte sehr, daß ihn die Gelehrten in Prag uZd Fürth nicht unterstützten; aber er ließ sich nicht abschreckm, den Kampf allein zu wagen, denn er hatte nur die Gefahr vor Augen, die unserm Volk bevorstand. Muthig und furchtlos rettete er unsre Ehre, ohne Rücksicht auf die Drohungen, die sein Gegner, der zu ihm nach Aufhausen kam, öffentlich gegen ihn ausgestoßen hatte. Er schrieb sein Buch in jüdisch-deutscher Sprache*), damit es Jedermann in Israel lesen und nöthigenfalls ..zu unsrer Vertheidigung gebrauchen könne; aber auch in deutscher Sprache, damit alle Leute, welche nicht zu unsrem Volke gehören, es lesen und unsre Unschuld erkennen mögen. Jedes öffentlich ausgesprochene Wort, es sei gut oder böse, findet seinen Ort. Der Schlangenbalg bewirkte sehr viele Gesinnungen des Hasses, aber der Theriak verbreitete gute Ansichten von unserm Glauben und regte manchen Zweifel über die Wahrheit der feindlichen Angaben an. „Die Bemerkung ist richtig", entgegnete Landau nachdenkend. „Aber jene Zeit ist nicht unsere Zeit. Damals konnte und wollte Niemand deutsch lesen, es war also keine Gefahr zu befürchten; jetzt aber könnte unsre Jugend die deutsche Sprache aus dem Buche erlernen, und nach und nach andere deutsche Bücher lesen, welche verderblich auf ihr Herz wirken könnten. Besser, wir lassen uns mit Verläumdungen überhäufen, die doch am Ende zerstieben vor der Wahrheit, wie Spreu vor dem Winde, und jedenfalls nur unserm Gut und Blut Nachtheil bringen können, als daß wir das Heil der Seele auf das Spiet setzen. Hat Rabbi Nathanel vergessen, daß sein Vater geheiligt worden ist für den Namen Gottes, weil er dem Trommler ein Wort gesagt, das er in einem deutschen Buche gelesen hatte? Hat R. Nethanel vergessen, daß seines Onkels Sohn in's Unglück gekommen ist, weil er das Laster und die Sünde in den deutschen Büchern gelesen hatte? Jetzt sitzt er im Gefangniß; sein eigener Sohn, der Bastard, hat ihn angezeigt bei dem Kommandanten, denn er ist ihm begegnet vor *) Hanau 1615. Er starb zu Regensburg dhn Hungertod. Eine Lebensskizze habe ich bereits in diesen Blattern (1846) mitgetheilt.