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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-11-12 · Heft 46 (12.11.1849) · p. Seite 660

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 46 (12.11.1849)
Date
1849-11-12
Page
Seite 660 (sequence 12)
Language
German
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660 zeigte ihm Dinge, von welchen der Kaiser noch Nichts gesehen und gehört hatte. Er sagte zu seinem Golam *), einem leblosen Geschöpfe von Lehm, wie ihr ihn auf der Bühne in der Altneu-Schule noch sehen könnt, der aber seinem Meister unwillkürlich dienen mußte, weil er ihm heilige Namen in den Mund legte: fliege hinüber über den Fluß und hole den Hradschin, denn es ziemt sich nicht, daß ein Kaiser weile in der ärmlichen Stube eines Rabbi. Der Diener gehorchte; aber das Bergschloß war ihm zu schwer. Da half ihm Elias, der Prophet, um willen der Ehre seines Volkes, das er nie verlaßt. Der Kaiser aber staunte sehr, denn er befand sich plötzlich in seinem Residenzschlosse, und nun das Wunder zu vermehren, floß der beste Wein aus der Wand heraus wie aus einem Fasse, und der Tisch deckte sich von selbst mit Schüsseln, in welchen die schmackhaftesten Speisen waren. So wurde der Kaiser in Gnade gewogen unsecm Volke, denn er sah, welche Gotteskraft in ihm wohne, und daß keine Kunst und Wissenschaft ihm verborgen sei. Er räumte der Gemeinde viele Rechte und Freiheiten ein; sie durfte ihre Gassen mit sechs Thoren versehen, damit sie ihre eigene Stadt habe und von der Altstadt getrennt sei. „Onkel/' sagte Tiah, „ich glaube, es wäre gut, wenn Kaiser Rudolf noch lebte, denn die Kaiserin ist unserer Gemeinde nicht sehr gewogen." Der Greis aber, den diese die Gegenwart betreffende Bemerkung aus seinem gewohnten Gleise brachte, da er nur noch in der Vergangenheit lebte, fiel in seine dumpfe Gleichgiltigkeit zurück, und war durch keine Frage mehr zur Fortsetzung seiner Erzählungen zu bewegen. Seine Neffen verließen ihn und setzten sich an den Tisch vor ihre Bücher hin, denn sie fürchteten, von ihrem Vater, wenn er zucückkäme und sie müßig sähe, einen Verweis zu erhalten. 3. Die Beschuldigung. Lipmann Weil hatte den Söhnen seines Neffen nicht die ganze Größe seines Unglücks mitgetheilt. Ein Sohn war ihm nicht durch die Seuche entrissen worden. H i rsch war ein ausgelassener Jüngling, der sehr viele Anlagen des Geistes und des Herzens hatte; aber sein Vater hielt ihn zu früh und zu strenge an das Studium des Talmuds an, um ihn zum vollkommenen Theologen zu bilden, da seine übrigen Söhne sich dem Handel gewidmet hatten. Er unterrichtete ihn im zehnten Jahre in dem Traktate von den Frauenkrankheiten, und in anderen Bänden kamen Erörterungen vor, die wol für den reifen Mann zu Gegenständen wissenschaftlicher und eherechtlicher Untersuchungen geeignet sind, in den Kindesjahren aber die verhüllten Keime der Sinnlichkeit in die unschuldige Seele werfen, und in der Periode der Entwickelung die Neugierde reizen und zu Ausschweifungen in Phantasiebildern anregen. Hirsch hatte bald genug des Ernstes, seine Kindheit war ihm verkümmert, und er wollte als Jüngling nachholen, was er als Knabe versäumen mußte. Darum war alles Bitten und Drohen seines Vaters vergebens; er sprang aus dem Studentenmantel und folgte den Trieben seines Herzens und seiner Augen. Der Messtasschwindel, durch den Kabbalisten von Smyrna angeregt, hatte traurige Folgen für die Einheit, welche bisher unter den Talmudisten herrschte. Es entstanden viele Reibungen und Parteien. Einerseits herrschte grasser Zeremoniendienst und andererseits gleichgittige Lauheit gegen die Religion, und in der Mitte standen die Kabbalisten, welche die Stoffe der Religionsphilosopheme nach ihrer Manier in ihre Grundsätze aufnahmen, die sie als mystische Lebensmaximen befolgten. Religionswechsel und völlige Entartung in Hinsicht der Sittlichkeit waren daher nicht selten, da auch die französische Lebensphilosophie den Israeliten bekannt wurde und die sogenannten Aufgeklärten und Neumodischen ansteckte. Der Talmudismus wurde daher immer strenger und düsterer, und eben deshalb wurde Prag zu jener Zeit die Bildungsschule für beinahe alle Rabbinen des Abendlandes, und selbst Jünglinge aus dem Morgenlande besuchten diese Schute. Hirsch gerieth in böse Gesellschaften und wurde eine Beute der Verführung. Sagte ihm sein Vater: wenn du mir nicht folgst, jage ich dich mit den Gästen fort, so erwiderte er: das Unglück ist nicht so groß, denn Niemand hat's besser als ein Gast. Er wandert von Land zu Land, von Ort zu Ort, und läßt sich von den gutmüthigen Glaubensgenossen ernähren, wohin er kommt. So lebt er frei und unabhängig, steht die Welt und ihre Schönheiten und genießt sie nach Herzenslust. Dieses Ideal von Lebensglück wurde ihm auch in der Wirklichkeit zu Theil. Die Frauen nämlich konnten weder nähen noch stricken, denn sie wurden schon als Mädchen zum Betriebe des Handels angehalten, und *) Automat.

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