Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1849)
- Date
- 1849-11-12
- Page
- Seite 652 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225606-3225653--10588-3240649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
882 Wunderbar ist es übrigens in der That, wie diese Pedlars besonders in einigen Staaten noch ihren Lebensunterhalt verdienen können, denn z. B. Louisiana, Ohio, Pensylvanien und selbst Kentucky sind mit ihnen ordentlich überschwemmt, die Amerikaner kennen sie aber schon, wissen, daß es wirkliche positive Unmöglichkeit ist, einen derselben loszuwerden, ohne ihm eine Kleinigkeit abzukaufen und fügen sich denn auch meistens mit vieler Ruhe in das doch einmal unvermeidliche Schicksal. Hat sich der Pedlar nun endlich nach langen, mühsam und auf der Landstraße durchlebten Jahren Etwas erspart, so giebt er das wandernde Leben auf und wird „Storekeeper", d. h. er miethet sich irgendwo an der Dampfbootlandung eines kleinen Städtchens oder einer Stadt, und ist das nicht möglich, im Innern des Ortes selbst einen Laden, und beginnt ein Geschäft mit fertigen Kleidungsstücken, inkl. Hüten, Mützen, Schuhen und Stiefeln, Messern, Pistolen, goldenen Ringen und Vorstecknadeln. Die sämmtlichen Kleiderladen der Vereinigten Staaten (es bestehen deren Tausende) gehören auf diese Art, mit nur sehr wenig Ausnahmen, deutschen Israeliten, von denen Viele in kurzen Jahren ein recht anständiges Vermögen zusammengescharrt haben, und sämmtliche Städte eben dieser Staaten, die an einem Fluß oder sonstigen Wasserkurs liegen, sind auf diese Art im wahren Sinne des Wortes mit wehenden und flatternden Kleidungsstücken garnirt, zwischen denen unter jeder Thür ein mit vieler Aufmerksamkeit frisirtcr, sehr elegant gekleideter, und die rothen Finger mit Ringen, die scheinende Weste mit Ketten und Vorstecknadeln überladener junger Mann steht und die Vorübergehenden fortwährend mit lauter Stimme einladet, sein „wohl affortirtes Lager" rc. in Augenschein zu nehmen; ja oft sogar mit wahrer Todesverachtung besonders ärmlich Gekleidete gewaltsam in das Heiligthum seines Verkaufslokals hineinzerrt, wo er im Küstern Schatten einer Unzahl flatternder Beinkleider das unglückliche Opfer förmlich zu irgend einem Handel zwingt. Diese Kaufleute übrigens, die einst wandernde Krämer gewesen, geben ihren ärmeren, noch umherstreifenden Kollegen selten oder nie Kredit; sie mögen wohl wissen, wie sie es selbst in früheren Zeiten getrieben, und wie oft ein solcher nomadischer Händler, wenn er eine Zeitlang Kleinigkeiten im Vertrauen auf seine Redlichkeit erhalten und verkauft, auch stets richtig bezahlt hat, mit dem ersten größern Waarenballen spurlos verschwindet, und erst wieder in einem andern Staat, wo möglich 5 bis 600 Meilen von dem ersten entfernt, austaucht. Ihn durch die Gesetze zu verfolgen, ist kaum möglich, der angeführte Kaufmann erfährt vielleicht auch den neuen Aufenthaltsort seines Schuldners erst nach geraumer Zeit, wenn die Schuld selbst schon lange verjährt ist. Deutschland. Frankfurt am Main, 1. November. Jüngst wohnte der Prinz von Preußen, bekanntlich der Protektor der preußischen Logen, einem Feste der hiesigen Freimaurer bei, zu welchem sämmtliche hiesige Logen, auch die jüdischen, Deputationen gesandt. In Preußen wird bekanntlich auch jetzt noch von den Logen das Gesetz ausrecht erhalten, keinen Juden aufzunehmen!! —. Gestern wurde von Seiten unsers Senats Herrn vr. weck. Crailsheim, einem Israeliten, das Amt eines?li^sieu8 orä. übertragen, unsers Wissens das erste Beispiel seit dem Bestehen der jetzigen Verfassung, daß einem Israeliten ein Staatsamt übertragen wurde. (Bekanntlich auch einer der in Deutschland noch sehr seltenen Fälle, wo ein Jude ein Amt erhalten, mit dem eine Besoldung verbunden. Ehrenämter laßt man ihnen schon gern zukommen, die Arbeit bringen, aber Nichts kosten!) -. Diese Tage war auch Sir Moses Montesiore nebst Gemahlin hier. Es soll in Wien die Hochzeit des bekannten hyperorthodoxen Willy v. Rothschild mit einer Enkelin von Salomon von Rothschild stattsinden, wozu die sämmtlichen Glieder der Familie zusammenkommen. Man sieht: Geld und Frömmigkeit hat diese Familie schon in Ueberfluß; Schade, daß mit Ausnahme des Sir Moses, der jedenfalls die Wohlthätigkeit und die Befähigung, für seine Glaubensgenossen Etwas zu opfern repräsentirt, weiter Nichts von ihr zu rühmen ist, als Geld und dürre Frömmigkeit. Ich sage „dürre", denn die erste Vorschrift der fruchtbaren und s<ntreichen, israelitischen Frömmigkeit wäre doch, daß die Herren regelmäßig den “iizma, den Zehnten, für wohlthätige Anstalten und