Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1849)
- Date
- 1849-11-05
- Page
- Seite 646 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3224737-3225606-3225652--10581-3240641- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
648 wenn man das Joch des Leidens in der Jugend trägt, denn er wird gewöhnt an das Elend, für das er geboren, und es ist bester zu sein im Hause der Trauer als in dem Hause der Lustbarkeit, damit man sich nie vergesse und übermüthig werde. So wisset, daß vor dreißig Jahren wieder die Pest hier ausbrach und über zwanzigtausend Menschen hinwegraffte, denn sie wüthete ein halbes Jahr lang ohne Unterbrechung fort, und selbst alles Bieh wurde von der giftigen Seuche ergriffen, daß es umfiel wie die Mücken vor der Kalte. Der Verderber tödtete auch meine Frau und meine Kinder und Kindeskinder; nur ich blieb übrig, um meinen Vertust zu beweinen und meine Roth zu beklagen. Ich saß jammernd auf dem Boden, und vor mir saß euer Vater, der ein Jahr vorher wieder zurückgekehrt war. Er wollte mich trösten, aber ich nahm keinen Trost an, denn ich war nicht so fromm wie Hiob, welchen das Bewußtsein stärkte, daß er nie etwas Böses gethan hatte; ich aber mußte mir Vorwürfe machen, daß ich mich versündigt, indem ich fest geglaubt hatte, daß Sabbathay Zebi unser Erlöser sei, weshalb mich Gott mit dieser großen Plage heimgesucht hatte. Ziehe fort von hier! rief ich euerm Vater zu, willst du dich auch umbringen lassen von dem Verderber, der Millionen Augen hat und doch nicht sieht, der Millionen Ohren hat und doch nicht hört? Was bleibst du da, um mich anzusehen, ein unnützes Ding zu hüten, das sich und aller Welt zur Last ist? Willst du unsere Familie aussterben laffen wie den Stamm der Frevler? Euer Vater aber erwiderte: du hast mich aufgezogen, als wäre ich dein Sohn; darum will ich dich pflegen als wärest du mein Vater! Gott ist an allen Orten und er ist mächtiger als der Verderber, dessen Gewalt er Schranken setzen kann, wenn er will. Will er aber nicht, so weiß er mich und die Meinigen zu finden, ob wir hier sind oder an einem andern Orte — Stille! herrschte ich ihn an, denn es öffnete sich die Thüre und herein trat eine feuerglühende Gestalt, in einen rochen Mantel eingehüllt, und sie schwebte in vier Schwingungen zu mir und berührte meine Augen, daß sie wieder sehen konnten. Ich schrak zusammen, aber die Gestalt winkte mir ruhig zu sein, und sie öffnete den Mund und sprach; „Ich bin Elias, der Prophet, der ich auch deinem Lehrer in Fulda erschienen bin. Er sendet mich, um dir zu danken für die Mühe, die du dir dreimal gegeben hast, seine Schriften zu retten. Das Augenlicht wurde dir genommen, damit du nicht sehen könnest das furchtbare Unglück, das dich getroffen hat wegen deines Glaubens an den falschen Messias. Aber wegen der Treue und Dankbarkeit, die du deinem Lehrer auch nach seinem Leben noch bewiesen hast, werden deine Augen noch einmal sehen das Licht, damit du Lust erblickest an dem Mörder deines Bruders!" Plötzlich verschwand die Erscheinung, und mich umgab wieder dichte Finsterniß. Ich fragte zitternd euern Vater, ob er Nichts gehört und Nichts gesehen habe? Ec verneinte es, und ich merkte, daß die überirdische Gestalt gekommen ist, mich unsichtbar zu trösten, wie Gott ja schon oft seine Boten gesandt hat, um seine trauernden Verehrer zu erfreuen. Ueberrascht von der hohen Ehre dieses Besuches vergaß ich beinahe meinen Schmerz und wurde von der Stunde an ruhig, mich ergebend in mein Geschick, den Tag der Rache mit banger Sehnsucht erwartend. Nur Eine Sorge hatte ich noch, und ich mußte sie mir vom Herzen wälzen. Ich wollte nämlich die Herausgabe der Schriften meines Lehrers noch erleben, denn ich fürchtete, daß es dem Verderber noch gelingen möchte, auch den Rest zu vernichten. Daher trieb ich euern Vater an, wieder nach Frankfurt zu gehen, wo R. Abraham Brodp als Oberrabbiner aufge, nommen worden war. Erwachte zwar die Einrede, daß er mich nicht allein lassen könne; aber ich beseitigte alle Hindernisse und ließ ihn solche Anstalten treffen, daß er unbekümmert um mich abreisen konnte. Aus Dankbarkeit zu Gort, der ihn und seine Frau vor dem Verderber beschirmt, und weil ich es ihm dringend in's Gewissen gelegt hatte, gab er sich Mühe, daß die Schriften endlich einmal zu ihrer Bestimmung kommen sollten. „Nach dem Tode des R. Abraham kam er wieder zurück und wurde Appellant. Das ist eine große Ehre für unser Haus, in Prag, der Mutterstadt in Israel außerhalb des heiligen Landes, ein Mitglied des Rabbinergerrchtes zu sein. Jetzt kann er Rabbiner werden bei allen Gemeinden, und es kann ihm auch eine bedeutende Stelle nicht fehlen, denn sein Name ist schon weit gekommen durch die vielen Schüler, die aus allen Gegenden der Welt hier gewesen sind und seine Vortrage mit Liebe und Eifer gehört haben. Ich aber sterbe gerne, denn mein Wunsch und der letzte Wunsch meines Lehrers ist ja durch die Hilfe Gottes und des Propheten Elias in Erfüllung gegangen. Zwar ist seine Verhei-