Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-11-05 · Heft 45 (5.11.1849) · p. Seite 645

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 45 (5.11.1849)
Date
1849-11-05
Page
Seite 645 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225606-3225652--10580-3240640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

645 ich glaubte, er sei todt. Aber Unkraut verdirbt nicht, und ich hatte mich an dem rußigen Kessel nicht schmutzig machen sollen. Er ging nach Heidelberg, wo er studirte und Professor der morgenlandischen Sprachen wurde. Dort hat der Hungerleider vergolten alles Gute, das er in Frankfurt genossen, mit Bösem, denn er hat seither zwei dicke Bücher geschrieben gegen die Jehudim, angefüllt mit der frevelhaftesten Bosheit und den schändlichsten Berläumdungen. Aus allen unseren heiligen Büchern hat er Auszüge gemacht und aus dem Zusammenhänge herausgeriffen und ihnen einen andern Sinn untergeschoben. Wo er im hintersten Winkel ein jüdisches Buch gefunden, hat er's zu seinem Frevel benutzt, die unschuldigsten Stellen hat er verdreht und verkehrt, daß jeder Mensch, der unsre Religion und unsre Bücher nicht genau kennt, glauben muß, daß der Bösewicht die Wahrheit gesagt habe." „Damals aber lachte ich noch über seine Drohung und sorgte nur, daß die Kiste Ln ein andres Haus zur bessern Aufbewahrung gebracht wurde. Aber auch dort soll sie, wie ich spater hörte, nicht redlich behütet worden sein. Gerne hätte ich sie nach Prag mitgenommen, aber Henle bemerkte mir, sie habe Hoffnung, daß ihr Sohn Jechiel fähig werde, dem letzten Willen ihres Vaters nachzukommen." „Wir kehrten nach Prag zurück, wo Alles ruhig blieb, bis euer Großvater sich zur Heiligung Gottes und seines Gesetzes umbringen ließ. Euer Vater war erst fünf Jahre alt, und als er zehn Jahre alt war, führte ihn eure betrübte Großmutter Miriam nach Fürth, wohin sie gezogen ist. Ich aber war nicht ruhig, bis er wieder hergeschickt wurde. Ich behandelte ihn, als wäre er mein eigener Sohn gewesen, und bewirkte, daß ihn R. Abraham Brody unter die Zahl seiner Schüler nahm. Er gewann euern Vater immer lieber, denn er gedachte auch der Freundschaft und Jugendliebe meines Bruders. Als euer Vater herangewachsen war, gab er ihm seine Schwesterstochter Vögele^, eure brave Mutter, zur Frau, und als R. Abraham als Ktausrabbiner nach Metz kam, folgte ihm euer Vater nach, um an seinem Tische zu essen und seine Lehre zu vernehmen." 2. Der Prophet Elias. „Eine innere Stimme," fuhr der Greis fort, „trieb mich an, wieder nach Frankfurt zu gehen, denn es war mir, als wenn mir mein Lehrer zurief, daß ich mich umsehen sollte, was aus seinen Schriften geworden. Ich ging auf die Messe, um Geschäfte zu machen; aber stellet euch meinen Schrecken vor, als eine große Feuersbrunst in der Judengaffe ausbrach, und die Flammen auch das Haus ergriffen, in welchem die Papierkiste stand. Als die Kinder Israels aus Egypten zogen, nahmen sie alles Gold und Silber mit, das sie erhalten konnten, um sich für die vieljahrigen Sklavendienste bezahlt zu machen; Moses aber beschäftigte sich mit einer frommen Handlung, denn er suchte die Gebeine Josephs auf, um sie in das Land Israels zu nehmen und sie dort in geweihter Erde zu begraben, wie man dem Langstverstorbenen zugeschworen hatte. Auch ich suchte nicht mein Hab und Gut zu retten, wie die Anderen, sondern ging mit Lebensgefahr in das brennende Haus. Die Funken sprühten mir in's Gesicht und der Rauch qualmte mir in den Mund und in die Augen. Die Ziegetblatten fielen herab von der Hitze, und die Dachbalken krachten im Einsturze, während die Bodenbretter Feuer singen. Ich aber drang durch Feuer und Rauch und nahm einige Ballen Papier aus der Kiste, und stürzte die zusammenbrechenden Stiegen hinab. Mit großer Mühe kam ich noch mit meiner theuern Last zum Hause hinaus, das in demselben Augenblicke einsiel. Ein Balken aber traf mich in der engen Gasse und ich lag bewußtlos dahingestreckt. Zwar bin ich nebst den Papieren sogleich gerettet worden, aber meine Augen schmerzten mich von dem Brande, der sie verzehrte, und ich hatte auch einen großen Theil meines sauer erworbenen Vermögens verloren. Mühselig, aber freudig kam ich wieder hier an, denn ich batte ja den Ruhm meines Lehrers zum dritten Male für die kommenden Geschlechter gerettet. Ich verlor nach und nach mein Augenlicht, daß ich gar Nichts mehr sehen konnte. Ich ließ mich von meinen Söhnen und Enkeln ernähren und pflegen, denn ich bin seither unbrauchbar geworden." Der Greis unterbrach sich hier in der Erzählung, denn er war schmerzlich bewegt und gerührt. Aus dm starren, erloschenen Augen, die in die Höhe rollten-, rann eine Thrane hervor. Nach einer langen Pause fuhr er fort: //Ich habe gekämpft mit mir, ob ich euch erzählen soll von der allertrübsten Zeit, die gekommen ist über mich und mein Haus, um eure jungen Seelen nicht mit Trauer und Kummer zu überhäufen. Aber es ist gut,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.