Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1849)
- Date
- 1849-11-05
- Page
- Seite 647 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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647 ßung, -aß sich meine Augen noch einmal öffnen und den Mörder meines Bruders sehen werden, noch nicht erfüllt worden; aber, setzte er mir fester Zuversicht hinzu, es wird bald geschehen. Mein Herz sagt es mir, denn mein Leib löst sich bald auf und kann nicht lange mehr sich erhalten. Der Tischbite lügt nicht und trügt nicht, und was er sagt, hält er, und was er spricht, thut er. Er hilft, wo er helfen soll, und straft, wo er strafen soll. Er durchwandert die ganze Erde und reist über Meere und Flüsse, um die Kinder seines Volkes zu besuchen, und ihnen in ihrer Drangsal beizustehen. So berichten die Weisen des Talmuds, und so erzählt man auch hier. Prag war früher noch nicht so groß und noch nicht aus vier Städten zusammengesetzt, wie jetzt. Es sind über der Moldau drüben, auf der Kleinseite, nur einige elende Hauser und Hütten gestanden, von einem finstern Walde eingeschlossen. Auf dieser Seite aber standen schon große Häuser und Gebäude, welche von Zehudim bewohnt wurden. Als Titus den heiligen Tempel zerstörte, trugen die Engel die in Flammen auffliegenden Steine durch die Luft und brachten sie hierher, wo sie die Altneuschule erbauten, unter der Leitung des Propheten Elias, welcher das Gebäude in den Boden senken ließ, damit es nie ganz zerstört werden könne. Oft hat die Flamme in unserer Stadt unbarmherzig gewüthet und hat nicht verschont unsere Hauser und Schulen, aber die Altneu-Schule verhöhnte das Feuer in seinem Grimmzorn, denn sie steht im Schutze des Propheten. Wer die Wände berührt, in die er heilige Buchstaben und Namen eingegraben, hat es mit ihm zu thun, denn er duldet nicht, daß man eine Aenderung vornehme, da das Gotteshaus von seinem hohen Alter und der Act seiner Entstehung Zeugniß ablegen soll. Als ich noch sehen konnte, freute ich mich immer auf den Freitagabend, wenn das Heiligthum beleuchtet war von Kerzen und Lichtern, die von oben herab kamen wie die Sterne. Hinter dieser Schule ist das Haus der Gräber, das so alt ist als das Gotteshaus. Dort sind begraben die größten Männer und die frommsten Frauen, und Niemand vermag zu zählen die großen und die kleinen Grabsteine und Denkmale, denn sie sind zu viel, und Niemand darf lesen ihre Inschriften, denn wer sie liest, verliert die Kraft des Gedächtnisses. Anfangs waren aber die Todten nicht sicher auf dem guten Ort, denn ein Frevler hat sie jedesmal ausgegraben, und ihnen die Leichenhemden ausgezogen. Da war man in großer Angst, und man fürchtete sich sehr vor dem Tode, weil man nicht einmal seine Ruhe in der Erde hatte. Eine alte, fromme Frau aber, welche ihr Ende fühlte, sprach: laßt den schlechten Dieb nur fortmachen, ich werde ihn ertappen! Nach diesen Worten starb sie. In der Nacht nach ihrer Beerdigung grub sie der Bösewicht aus, um ihr das Gewand zu nehmen. Die Frau aber hatte zwei Herzen; das eine nur war todt, das andere lebte noch. Darum ergriff sie ihn beim Fuße und hielt ihn fest. Er starb vor Schrecken, und als man des Morgens auf den guten Ort kam, lag ec todt auf der Erde. Seither haben die Todten ihre Ruhe. Vor vielen, vielen hundert Jahren ist auch einmal ein armer Mann dort gesessen und hat geweint, daß es die Steine rührte, und hat geklagt, daß die Leichen in den Gräbern seine Stimme vernahmen, denn es war kalt und er hatte keine Holz, um seine Stube zu heizen, damit sich seine Frau und seine Kinder warmen konnten, und er hatte kein Gewand, um sie zu kleiden, und kein Brod, um ihren Hunger zu stillen. Da sagte seine Frau zu ihm: Mann! was sitzest du da und legest deinen Kopf in die Hände und weinest? Damit ist uns nicht geholfen; du mußt Etwas anfangen, dann wird aus dem Etwas vielleicht ein Vieles; wo aber Nichts ist, wird Nichts, denn Gott macht keine neue Schöpfung wegen eines einzelnen Menschen. Auch die Vögel haben Nichts in ihren Nestern, aber sie fliegen fort, um Etwas zu holen für ihre Jungen. So ging er fort und kam auf den guten Ort und wünschte sich den Tod und die Ruhe in der Erde. Da erschien ihm Elias, der Prophet, und er sprach zu ihm: Wenn du auch zaghaft bist, so warst du doch immer fromm, und ich will dir helfen aus Mitleid, und daß deine Frau erfahre, daß Gott auch Wunder thue wegen eines einzelnen Menschen. Auf, gehe bis du kommst zu dem Berge Libin. Sage der Herzogin, du seiest ein Baumeister, und könnest in Einer Nacht ein ganzes Schloß bauen. Der arme Mann that, wie ihm geheißen worden. Libussa war eine gute Fürstin, aber sie gab sich mit Wahrsager- und Zauberkünsten ab, und doch wußte sie nicht, wie sie ihre Worte ausführen sollte, denn wer nicht kennt die heiligen Schriften und ihre geheime Auslegung, der kennt Nichts und weiß Nichts. Die Herzogin hatte geprahlt, daß sie in zwölf Stunden den Wischehrad erbauen könne, aber sie war in großer Verlegenheit, denn ihre dienstbaren Geister konnten ihr nicht helfen. Da