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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-11-05 · Heft 45 (5.11.1849) · p. Seite 635

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 45 (5.11.1849)
Date
1849-11-05
Page
Seite 635 (sequence 3)
Language
German
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635 Gehören wir zu einander, rechnen wir uns zu einander, so ist es nur innerhalb der religiösen Idee. Es war nun allerdings eine Zeit, wo die religiöse Idee Israels sich mit der Nationalität Israels vereinigte, aber sie waren auch damals nicht ein und dasselbe; denn auch in den Zeiten, wo Israel in der Mehrheit dem Abfall huldigte, wie z. B. oft in der Zeit der Könige, war es darum doch Nation. Die Nation hörte auf, die religiöse Idee blieb; darum ist aber diese nicht jene geworden. So wenig wie das Christenthum eine Nationalität ist, so wenig bilden die Deutschen in Nordamerika eine Nationalität, trotzdem die Deutschen in Nordamerika noch weit mehr Rückstände ihrer Nationalität haben, als die Juden in aller Welt, denn diese Deutschen haben noch ihre Sprache und die frische Erinnerung an ihr eben verlassenes Vaterland; aber schon weil sie kein Streben haben, sich innerhalb des nordamerikanischen Staates zu vereinigen, und sich als solcher Verein geltend zu machen, sind sie dort keine Nation, und haben dort keine Nationalität. Die Juden haben auch keine Sprache und kein eben verlassenes Vaterland. Man hat die Juden nur gezwungen, durch gemeinsame Ausnahmestellung eine Gemeinsamkeit zu haben, aber dies war eben ein Zwang — ein Zwang ist aber das Gegentheil der Nationalität. Würden die Juden, wenn sie völlige Freiheit haben, den übrigen Theiten der Völker gleich zu stehen, dennoch verlangen, ihre Ausnahmestellung zu behalten: nur dann hätten sie eine Nationalität. Wo also keine Sprache, kein Zentralsitz und kein Streben zu äußerm, besonderm Bestände, vielmehr das Streben auseinander, vorhanden: da noch von einer Nationalität zu sprechen, ist mehr als Unsinn. Aber Etwas ist da, und nicht zu leugnen, und das ist eine Individualität, die natürlicherweise auf der Abstammung beruht, und durch die Gemeinsamkeit des Schicksals durch Jahrtausende hindurch entwickelt und erhalten worden. Diese Individualität stellt sich äußerlich durch nicht zu verkennende physiognomische Kennzeichen dar. Der jüdische Typus ist dem Gesicht und der Gestalt ausgeprägt, und ist durch kein Wasser zu verwischen. Allerdings ist ein besonderes Förderungsmittel physiognomischer Aehnlichkeiten das Zusammenwohnen, Zusammenleben; man sieht es an den Bewohnern eines Dorfes, einer Stadt oft. Aber auch ohne dies wird es aus der Verheirathung unter einander bleibend erhalten. Diese Individualität hat aber auch ihre innerliche, ihre geistige Wirklichkeit, und Gemüth und Verstand werden sich nach ihr Ln vorherrschenden Richtungen bethätigen. In ersterer Beziehung ist diese Individualität ein reines Naturprodukt, und läßt sich weder dafür, noch dagegen Etwas thun. Aber gerade die geistige Individualität ist überall etwas Vorzügliches, das nicht zu versäumen. Wir behaupten, daß alles Große in der Menschenwelt gerade aus der geistige Individualität hervorgegangen ist. Wenn die Menschheit gewissen Völkern Großes zu verdanken hat — wir wollen z. B. die Griechen für die Kunst, die Engländer für die Technik anführen — so ist dies nur ein Erfolg der Individualität dieser Völker gewesen, und die Menschheit würde es vermissen, wenn etwaige Umstände der Entwickelung der Individualität dieser Völker hemmend entgegengetreten wären. Gleiches bei den Einzelnen. Ein Mensch wird mit besonderer Anlage zur Musik geboren. Es ist dies seine Individualität. Wäre es zu billigen, wäre es ein Vortheil, ein Gewinn für die Menschheit, wenn, um in diesem Menschen die Allgemeinbildung herzustellen, seine musikalische Anlage unterdrückt, oder nur sehr wenig entwickelt würde, nur damit er nach allen Richtungen gleichmäßig gebildet werde? Wir würden die Produkte seines musikalischen Genie's entbehren, Nota bene, wenn es möglich wäre, den Durchbruch desselben zu verhindern, und, wiederum Nota bene, das gelingt oft genug, wenn auch nicht durch die Menschen und ihre Absicht, doch durch die Umstände. Wir sehen also, daß die geistige Individualität die Wurzel alles Großen ist, daß sie daher nicht zu beseitigen, zu schwachen, zu verwässern, sondern vielmehr zu fördern, zu stärken ist. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 25. Oktober. Den Vorschlag des Abgeordneten v. Vincke, die Eidesformel für alle Konfessionen durch die Verfassung gleichlautend dahin festzustellen: Ich schwöre, so wahr mir Gott helfe! — hat der Verfassungsausschuß der ersten Kammer verworfen, weil er die inneren Angelegenheiten der Kirchen- und Religionsgesellschaften berühre und es zur Zeit an Nachrichten darüber fehle, ob durch zwangsweise Einführung einer solchen Formel nicht die Gewissen bedrängt werden würden. (Jedenfalls ist die-

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