Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1849)
- Date
- 1849-11-05
- Page
- Seite 634 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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634 es uns nicht zu verhehlen: diese Forderung wird erfüllt werden. Zwar haben wir selbst von dem Stehenbleshey des Prinzips als eines Paragraphen einer Verfassung noch keine allzu große, durchgreifende Wirkung erhofft; denn immer verbleibt es Sache der Administration, davon zu verwirklichen, was sie will. Die Erfahrung in gewissen Landern spricht hierfür. Jndeß wäre es doch eine Erleichterung der Zukunft, und die Gegner müßten doch bei der Negation stehen bleiben. Wird auch das Prinzip beseitigt, so fragt es^sich, wie weit man rückwärts greisen werde, wie weit man positive Beschränkungen wieder Herstellen wolle? Die Zukunft steht also wieder dunkel und voll Fragen vor uns, und wir werden eingestehen müssen, daß der Kampf noch nicht zu Ende ist, daß er nur in eine neue Phase getreten: es ist nicht mehr der Kampf um das Vorwärts, sondern der Kampf gegen das Rückwärts. Die Welt war plötzlich zum äußersten Punkte vorgegangen: es handelt sich darum, dafür zu streiten, daß sie nicht zu weit wieder zurückschreitet. Die EigenthümUchkeit der Juden. Wollen wir aufrichtig sein. Daß der jüdische Stamm, so wie er ist, eine Besonderheit ist, eine gewisse Individualität hat, kann nicht geleugnet werden. Weil die Gegner zu weit gingen, weil sie die Individualität zu einer Nationalität machen wollten, weil sie dieser schädliche Ingredienzen gegen den Staat unterschoben, und ihr daher eine besondere Stellung, und zwar eine beschrankende, benachtheiligte überweisen wollten: darum wurden Viele von uns gezwungen, die ganze Besonderheit zu leugnen, und jedes charakteristische Merkmal zu beseitigen. Im gewöhnlichen Leben war dies noch fühlbarer. Weil die Gesellschaft überhaupt nivellirend, gleichmachend, und darum intolerant gegen jede Besonderheit ist, und weil nun noch dazu seit Jahrtausenden das jüdische Besondere verachtet und verhöhnt worden: darum trat in den Einzelnen der Drang hervor, alles Einzelne, was den Juden bezeichnet, man kann von ihrem Standpunkt sagen, verräth, zu verleugnen. Wenn das nur ginge! wenn nur das Kind auf der Straße nicht dennoch den Juden herauserkennte! Sobald sich dieser Drang auf Dinge bezieht, die unästhetisch, widerlich, ungebildet sind, so kann man ihn nur loben. Aber er geht weiter, er will auch das verleugnen, was natürlich, was edel und hochherzig ist, er wagt eS sogar seine entheiligende Hand an Dinge zu legen, die des Juden Gehalt, Werth und weltgeschichtliche Bedeutung ausmachen, er geht auf völlige Verleugnung seiner selbst, seines Glaubens, seiner Abstammung aus — und das ist empörend, das ist unedel, herabsetzend. Was insonders die traurige Folge ist, das ist, im Einzelnen, daß er sich in einen Zustand des Zwanges hineinbringt, der ihn drückt und verzerrt, in einen Zustand des Widerspruchs mit sich selbst, der ihn verzehrt, in einen Zustand der Lüge endlich, der ihn entehrt vor sich selbst; das ist aber auch im Allgemeinen, daß die höhere Entwickelung dessen, was im Juden das allgemeine Individuelle ist, dadurch aufgehalten und untergraben wird. Es kann dies nur eine Verkrüppelung Hervorrufen, die — ja, die sich in den letzten Jahrzehenden schon fühlbar genug gemacht hat. Wir wollen nur ein ganz Aeußerliches anführen: wie Viele, sonst zu den Besten gehörige, wenden sich stolz und verächtlich von den jüdischen Angelegenheiten, dem Gemeindewesen rc. ab, — es sind ja jüdische Angelegenheiten! Um wie viel weiter wären wir, um wie viel größere Institutionen besäßen wir, wenn sich nicht so viele Kräfte uns abgewendet hätten, und immerfort abwendeten!? Nein! eine Nationalität haben wir nicht. Denn, obgleich der Begriff einer Solchen wesentlich auf der Abstammung beruht (natio, nasci), so ist dies eben doch nur die Wurzel, welche nothwendige Bedingungen des Stammes, seiner Zweige, seines Laubes, seiner Blüte und Frucht ist — aber die diese selbst nicht ist. Zur Wirklichkeit einer Nationalität gehört ebenso nothwendig wie die Abstammung auch eine gemeinsame Sprache und ein Zentralsitz. Beide haben wir nicht, denn unsere Sprache, die hebräische, ist todt, im letzten halben Jahrhundert mehr abgestorben, als in fünf Jahrhunderten vorher. Nein, wir haben keine Sprache mehr, und selbst ihre Erhaltung im Kultus ist nur noch künstlicher als selbst der lateinischen im katholischen Kultus. Wir haben auch keinen Zentratsitz; Palästina ist nur noch eine Erinnerung, Jerusalem eine Idee für uns, nicht im Geringsten von der Bedeutung, wie Rom für den Katholizismus. Wir sind zerstreute, kleine Gemeinden, die gar kein Band unter sich haben, die völlig als Atome neben einander bestehen. Zum Wesen einer Nationalität gehört endlich unbestreitbar das Streben nach einem äußern Bestände, sei es selbst nur in einer Provinz, in einer Landschaft, dem auch die fernen, zerstreuten Glieder in der Idee angehören, und sich zurechnen. Keine Spur davon bei uns.