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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-10-29 · Heft 44 (29.10.1849) · p. Seite 631

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 44 (29.10.1849)
Date
1849-10-29
Page
Seite 631 (sequence 15)
Language
German
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631 Darum ist es nicht recht von eurem Vater, daß er euch allein läßt und euch nicht unterrichtet, da er doch selbst nicht viel zu thun hat/' „Die Appellanten haben Sitzung," entgegnete Tiah; „sie sind alle Ln der Gemeindestube versammelt." „Was giebt es wieder?" sagte der Greis vor sich hin. „Es ist eine schwere Zeit, und sie wird noch schwerer werden. Israel hat noch keine Ruhe um unserer Sünden willen, denn was der Neid und die Mißgunst nicht zerstören, die Uneinigkeit und die Feindseligkeit nicht verderben, wird von der bösen Junge vertilgt und von dem bösen Auge vernichtet. Kein Wunder, wenn der Feind und die Pest, das Schwert und der Hunger wüthen in der Stadt, und das Unglück kein Ende nimmt und die Noch keine Grenzen hat. Aber es wird auch kommen der Tag der Vergeltung," fuhr er wie im Traume fort, „es wird erscheinen die Stunde, wo mein Bruder Naphthali gerächt wird an seinem Mörder, der kommen muß in dieses Haus, um seine Strafe selbst zu holen." „So erzähle uns von dem Tode unsers Großvaters!" weckte ihn Tiah aus seinem düstern Sinnen. „Auch durch Erzählungen können wir belehrt werden, wie Moses, unser Lehrer, sagte: „Sch'al abicha w'jagged'cha s'kenecha w'jom'ru lach." *) Der ganze Talmud besteht ja aus Ueberlieferungen und Erzählungen, die sich von Mund zu Mund fortgepflanzt haben; jeder Vater sagte seinen Söhnen, was ec gehört, und jeder Weise seinen Schülern, was er vernommen hatte. Die Schreibekunst war damals noch nicht so allgemein verbreitet, und die Buchdruckerkunst war noch nicht erfunden. Darum war die gegenseitige Mittheilung nothwendig, wenn die Lehren und Geschichten unsers Volkes nicht vergessen werden sollten. Darum belehre auch Du uns, lieber Onkel, über das Geschick unserer Familie, denn unsern Vater wollen wir nicht fragen, da es ihn schaudert, wenn man ihn an den Tod seines Vaters erinnert." „Es kann Etwas aus Dir werden," meinte der Greis, „denn Du sprichst nicht unverständig. Darum will ich Deinen Wunsch erfüllen, denn es ast ohnedies gut, wenn Du verstehst und begreifst, was geschehen wird. So höret mir zu, ich will euch erzählen, wie mein Bruder sein Leben eingebüßt hat. „Wir stammen von dem berühmten Rabbi Jakob Weil ab, der in Nürnberg Oberrabbiner war. Sein *) Frage deinen Vater und er wird dir's sagen, deine Alten und sie werden Dir's verkünden. 5 Mos. 32, 7. Sohn Maier Weil war Landrabbiner in Ulm, und dessen Sohn Jakob Weil in Donauwocth Landrabbiner von Baiern; dessen Sohn Jonas Weil war Landrabbiner von Schwaben und von der Schweiz, und dessen Sohn war Rabbi Samuel Uri Weil. Sein Sohn Rabbi Moses Maier Weil war unser Vater. Wir wohnten in Stühlingen. Aber der Graf von Stühlingen hat uns und alle Jehudim aus seinem Gebiete, das am Schwarzwald liegt, vertrieben. Unser Vater zog mit unserer Mutter, eurem Großvater und mir hierher nach Prag. Darum nennt man uns die Deutschen, weil wir aus Deutschland stammen. Es erging uns gut, so weit es uns unter den Völkern, die uns hassen, gut gehen kann. Wir nährten uns vom Handel, ohne daß wir mit den Säcken auf dem Rücken auf das Land oder in die Häuser zu gehen brauchten. Wir setzten unsere Waare auf dem Tandelmarkt ab, und wer Etwas brauchte kam in unsere Bude. Wir haben uns nie entschließen können zu hausiren, oder eine Unrechte oder unredliche Handlung zu begehen, oder eine gestohlene Sache zu kaufen. Wir ließen uns nie vom lockenden Gewinne verführen, denn wir wollten nicht verächtlich machen die Lehre Gottes, die wir jeden Abend und jede Nacht gemeinschaftlich erforschten, und wir wollten nicht verletzen die Ehre unsers Volkes, denn wenn ein Jehude etwas Böses thut, so sagt man, daß alle Jehudim so seien und alle so thun, wie schon Haman das ganze Volk anfeindete, weil er den einzelnen Mordechai haßte. Wir handelten mit alten Kleidern, wo kein Betrug stattsinden kann, denn jeder Käufer kann die Waare besehen und schätzen, wie sie für ihn taugt. Wir gingen oft auf die pilsener Markte, um Einkäufe zu machen. Damals ist man nicht gefahren und geritten wie jetzt; man ist gegangen auf den eigenen Füßen, wie Jakob, unser Stammvater, nach Haran ging. Es werden nun fünfzig Jahre sein, daß ich mit eurem Großvater nach Pilsen ging. Unterwegs kehrten wir in einem einzeln gelegenen Wirthshause ein, wo wir unser Brod aus der Tasche nahmen und es verzehrten, und ein wenig Branntwein tranken. Wir saßen an einem Tischchen im hintersten Ecke der Schenkstube, und besprachen uns über eine Leseart im Kommentare des Rabbenu Ascher, von dem wir uns immer gern unterhielten, weil er einfach und natürlich ist, und nicht so übertriebene Lustgebäude aufstellt, wie sie's in Polen machen, denn er war ein Deutscher und wunderte ^als in Frankreich und Deutschland die Kinder Israels verfolgt und vertrieben waren, nach Toledo in Spanien

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