Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1849)
- Date
- 1849-10-29
- Page
- Seite 630 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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630 buhlerln, nicht durch die Ruthe" (Jebam. 63, 2.) Dann rachen sie, die Töchter frühzeitig zu verheirathen: „ist deine Tochter mannbar, so lasse deinen Sklaven frei und gieb sie ihm zum Weibe" (Pesach. 113.). Und sie mahnen das Weib: b'ZV „schlaft die Frau, sinkt der Korb", der Nahrungsstand, das Hauswesen (Sanhedr. 7, 1.). Hingegen geben sie dem Manne zwei goldene Regeln; die erste: -mi ßwn pD isnna Niii n^ns „steige eine Stufe hinab und wähle dir eine Frau, steig' eine Stufe hinauf und wähle dir einen Freund" (Jebam. 6.). Das Weib darf nicht hohem Ranges als der Mann sein, sondern umgekehrt, der Mann muß immer über ihr stehen, innerlich und äußerlich; und zweitens: „erwirb dir Geld und Gut, sag' es aber deiner Frau nicht, wo es ist, selbst wenn sie gut ist"- lFo rtsetzung folgt.) Belletristisches. Prag vor hundert Jahren. Erzählung von Dr. Samuel Mayer. O, Herr! vom Schweren kann nur Schweres lösen. Und wir sind schwer gebückt in unserm Staube. O, eile du, die Kraft uns einzuflößen Aurn Aufersteh'nLaß nicht dem Sturm zum Raube Uns werden in der Rettung Sturrngetösen: Panier sei Hoffnmig, unser Schild dein Glaube! R ü ck e r t. 1. Die Brüder. Ein schneidender Dezemberwind spielte mit den zitternden, zum Theil mit Papier verklebten Fensterscheiben an der ärmlichen Wohnung des Appellanten Nethanel Weil in Prag. Die Wohnung befand sich im obern Stockwerk eines kasemenartigen Gebäudes in der Rabbinergaffe in der Judenstadt, welche, aus etwa dritthalbhundert Häusern zusammengesetzt, von der Altstadt, und zur Mitternachtsseite von den Ufern der Moldau eingeschloffen wird. Es war am Mittwoch, dem zwanzigsten Tage des Monats Kislew im Jahre 1744. Der Zeiger an der Thurmuhr des israelitischen Gemeindehauses hatte in hebräischen Buchstaben und römischen Kiffern die neunte Morgenstunde angezeigt. Die Frau des Rabbinatsbeisttzers lag noch im Bette in der Stubenkammer, denn sie war unwohl. Sein Sohn Ti ah hatte die Heizung des Ofens, und sein Sohn Simon Hirsch die Reinigung der Stube besorgt. Die Mittagsmahlzeit, welche aus schwarzem Brode und grünem Käse bestehen sollte, konnte noch lange zubereitet werden. Sein Oheim Lipmann Weil, welcher blind und raub war, saß mürrisch und theilnahmlos in seinem gepolsterten Lehnsessel im engen Alkoven vor seinem Bette. Tiah, ein kaum den Knabenjahren entwachsener Jüngling, und Simon Hirsch, ein Knabe, verließen die Stube, wo sie bisher an dem nicht sehr blank gesäuberten Tische vor den geöffneten Talmudbüchern saßen, und traten zu dem Greise hin. „Onkel," sagte Tiah, „erzähle uns wieder eine Geschichte von dem Propheten Elias." „Du bist nicht mit dem rechten Fuße aufgestanden," schrie Simon, „denn Du bist so finster und unfreundlich. Darum erzähle uns wieder Etwas von dem Propheten, dann wirst Du heiter und das Herz wird Dir leichter." „Erzählen soll ich?" sagte Lipmann mit Unmuth. //Jetzt ist keine Zeit, um Erzählungen anzuhöcen, jetzt sollt ihr erlernen und erforschen die Lehre Gottes, die immer weniger geachtet wird. Ihr sollt dringen in das Meer des Talmuds, sollt euch hinablaffm in seine Tiefen, daß ihr holet die Perlen, die auf seinem Grunde liegen für Alle, die sie suchen mit reinem Herzen, und sie schätzen mehr als Gold und Silber. So kann kommen die Zeit, daß die Jünglinge sich wollen unterhalten lassen von den Greisen und die Knaben von den Alten. In meiner Zeit, da ich noch jung war, saß ich Tag und Nacht vor dem Talmud, und mein Mund schwieg nie von den Lehren seiner Weisheit, und alle meine Glieder bewegten sich vor Freude, wenn ich stritt über einen zweifelhaften Gegenstand. Wenig Schlaf gönnte ich meinen Augen, wenig Speise meinem Leibe, und doch wurde ich groß und stark und alt, und mein Name war bekannt auf allen Hochschulen, denn ich wußte nicht, daß ich einen Körper hatte, und ich sorgte nur für die Vollkommenheit meiner Seele. Jetzt aber geht ihr müßig und lernet Nichts; man verzieht euch und verzärtelt euch, denn man fürchtet gleich, daß euch die Anstrengung schaden möchte. Du, Tiah, bist nicht viel jünger als Rabbi Jecheskiel Landau war, da er Appellant wurde. Jetzt sitzt er im Rache der Gelehrten neben Deinem Vater. Auch Du wirst bald eine Frau bekommen, dann hast Du einen Mühlstein am Halse, wie unsere Weisen sagen, und wirst Dich nicht mehr so viel mit unserer Lehre beschäftigen können. Du, Simon, bist auch bald groß, und Du solltest viel mehr Kenntnisse besitzen in Deinem Alter.