Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1849)
- Date
- 1849-10-29
- Page
- Seite 625 (sequence 9)
- Language
- German
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625 Ghetto zurückgedrängt würde. In Wien wußte man, daß Pillersdorf's Sturz und die Verwerfung seiner Verfassung großen Theils in der Richtausführung des Prinzips konfessioneller Gleichstellung in allen bürgerlichen Rechten ihren Grund haben. Die Sturmpetition deS 15. Mai 1848 hat gleiche Ursache. Das Schwarzenberg'sche Kabinet entzog diese natürlichen Bundesgenossen der demokratischen Fraktion i» Oesterreich; Koffulh aber geschah hiedurch kein Abbruchs da die ungarischen Juden trotzdem aus Vaterlandsliebe bei ihm ausharrten. Der Segen des Rabbi weihte ihn in den Augen der Orthodoxen ungeachtet der verzögerten Emanzipation. Ofen, 15. Oktober. (81.) Die oft und vielfach besprochene Angelegenheit der ofener Judengemeinde ist in ein neues Stadium eingetreten. Vor einigen Wochen wurden die Vorsteher, die sämmtlich wegen der vorübergegangenen Zahlungsfristen verhaftet waren, ihrer Haft entlassen. Daran knüpfte sich die Hoffnung einer weiteren Nachsicht. Nun ist unterm 7. Oktober d. I. die Weisung an dieselbe ergangen: „Daß die beabsichtigte Straf-Requisition in ein« Geldstrafe umgewandelt worden sei, daß auf die ofener Judengemeinde nach beiliegender Berechnung für ihr Theil eine Summe von 573,915 Fl. C.-M. komme, welche in sechs Raten abzuführen sei; derBetrag der bereits fälligen vier Raten per 265,073 Fl. C.-M. sei alsogleich ohne Verzug zu erlegen mit einem Pönale von 500 Fl. C.-M. für jeden Tag des weitern Verzuges." Schließlich werden der Gemeinde „noch weitere Zwangsmaßregeln angedroht, welche in ganzer Ausdehnung mit vollster Streng« unausbleiblich ins Leben gerufen werden sollen, und ihr die traurigsten Folgen zu Gemüthe geführt, die mit unerbittlichem Nachdrucke die Jsraeliten-Gemeinde treffen müßten, Falls die Eintreibung der Pönale ohne 'Wirkung bliebe!" Dazu kommt, daß die Gemeinde zur Eintreibung der rückständigen Toleranzsteuer bereits verhalten wurde, und zur Erhaltung des dortigen Militär-Spitals mit einem vierten Theile der Kosten per 1000 Fl. monatlich belastet ist. Italien. Rom, im September. (Schluß.) In diesem glorreichen Augenblicke, der einen so wohlthuenden Balsant auf die gereizten Wunden einer ganzen Bevölkerung legte, in diesem zweiten Auszug aus Egypten sah man Nichts von jenen lauten und tumultuösen Ausbrüchen des Sklaven, der seine Fesseln fallen sieht; aber, obwol sie sich in den Grenzen des Anstandes hielten, so war doch die Freude nicht minder tief gefühlt und war in unauslöschlichen Zügen auf allen Gesichtern zu lesen. Die Aeltesten der Gemeinde beschlossen, dieses glückliche Ereigniß durch ein Freudenfest nach den Osterfeiertagen zu feiern; aber, bevor die acht Tage der heiligen Woche vorüber waren, war die allgemeine Freude bereits in Trauer und Verzweiflung verwandelt! Das Dekret des Papstes hatte den Neid des Pöbels erweckt, dessen elende Wohnungen das Ghetto umgeben. Wüthend über einen Akt, dessen Gerechtigkeit diese Menschen nicht einsehen konnten oder wollten, schworen sie den unglücklichen Israeliten den tödtlichsten Haß und bedrohten sie mit Raub und Brandstiftung. Während mehrerer Tage und Nächte war ihr Leben und Eigenthum in drohender Gefahr; man mußte seine Zuflucht zum Schutze der Regierung nehmen und dieser wurde — wir beeilen uns, es auszusprechen — bereitwillig gewährt. Der Polizeiminister schwor, daß er mit Waffengewalt die Maßregel schützen werde, die er angerathen hatte. Starke Kavallerie- und Jnfanteriepatrouillen durchzogen die engen Straßen des Ghetto, und mehrere Kompagnieen der befreundeten Nationalgarden eilten freiwillig zum Schutze der Wohnungen und des Eigenthums ihrer israelitischen Brüder herbei, während ein beträchtliches Korps anderer Bürgergarden und Linienmilitär in der Nähe postirt war, bereit, bei dem ersten Angriff kräftig einzuschreiten. Beim Anblick dieser Streitkräfte zerstreuten sich die Elenden unbemerkt und verschwanden gänzlich. Zu dieser Zeit begann die Popularität Pius IX. abzunehmen; er weigerte sich, Oesterreich den Krieg zu erklären. Das Volk war wüthend; die arbeitlosen Menschen der Stadt bedrohten die Paläste der Fürsten und die Wohnungen der Reichen mit Plünderung. Es gab in Rom keine geachtete Regierung mehr, die Nationalgarde übte die Diktatur aus. Eine Zeit lang achtete man nicht auf die Israeliten, um sich an eine edlere und reichere Beute zu machen. Der Staatsrath hatte ihre Klagen untersucht, und da er sich zu ihren Gunsten erklärte, so legte der Minister der Kammer der Deputirten, welche sich zu dieser Zeit versam- 44*