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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-10-29 · Heft 44 (29.10.1849) · p. Seite 624

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 44 (29.10.1849)
Date
1849-10-29
Page
Seite 624 (sequence 8)
Language
German
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624 jüngere Geschlecht leitete, die Männer berechneten, folgten die Greise kabbalistischen Deutungen. Kossuths Vater war Advokat, und wohnte in einem nördlichen Komitate Ungarns, wo die aus Polen herübergewanderten Juden angesiedelt sind. Man findet die Sekte der Chastdim, und die langen Talare, Pelzkappen, Ringellocken und andere Aeußerlichkeiten unterscheiden nicht blos die fremden von den einheimischen, sondern auch die bigotten von den etwas minder orthodoxen Juden. Gegen den weit und breit im Gerüche besonderer Frömmigkeit und Heiligkeit stehenden Rabbiner zu Aphely führte Kossuths Vater einen ärgerlichen Prozeß. Der Grund desselben ist unbekannt; er dauerte aber, wie gewöhnlich in Ungarn hartnäckig betrieben, lange, und es starben im Laufe dieser Zeit zwei Söhne des Advokaten und endlich er selbst. Die abergläubischen Juden sprengten nun aus, das sei der Fluch des Rabbiners, und selbst die Katholiken und Kalviner bekamen einige Scheu vor der Macht des jüdischen Geistlichen, zu dem Kranke und Preßhafte aller Konfessionen strömten, um sich durch seine Wunderkrast heilen zu lassen. Der Rabbi genoß großes Ansehen, er war ein kluger und erfahrener Mann, und benutzte den Glauben seiner Stammgenossen und der unkultivirten Umgegend wie die Wundermänner anderer Religionen. Des Advokaten Frau fürchtete, daß auch ihr letzter Knabe, Ludwig Kossuth, dem Fluche des Rabbi verfallen sei, und das Mutter-, Herz trieb sie hin zu dem bärtigen Manne, um Vergebung zu bitten für die Unbill, welcher ihr Mann ihm angethan. Der Rabbiner, dessen Ansehen und Einfluß durch einen solchen Vorfall gewinnen mußte, war leutselig und zuvorkommend, und der greise Priester brachte es durch dieses Benehmen dahin, daß die Kalvinistin um seinen Segen bat für ihren Sohn. Der kluge Rabbi zögerte zu willfahren; er betrachtete den Knaben und unterhielt sich mit ihm. Geist und Lebhaftigkeit zeichnete schon damals das Kind aus, und mehr als dies mag vielleicht der Umstand auf den Rabbi gewirkt haben, daß Ludwig nicht mit Hohn und Mißachtung auf die fremdartige Umgebung blickte und noch nicht jene Scheu zeigte, die nahe an Abscheu grenzt. Wir wollen das Ausmalen dieser Seelenzustände eines klugen Rabbi, einer beängstigten Mutter und eines geistvollen Knaben, einer dichterischen Feder überlassen; die Thatsache ist, daß der Rabbiner seine Hände auf den Kopf des Kindes legte, und ihn segnete. Für ein so großes Ereigniß wurde dies in jener Gegend betrachtet, daß die Kossuth'sche Familie den vom Rabbi citirten Psalmenspruch sich notirte: Ps. 60, V. 6 Natata l’jericha nes lehisnoses mipne Koschet sela. Deutsch: Du verleihest deinen Frommen ein Panier, um damit zu glänzen ob der Wahrheit willen. Der Rabbiner wählte diesen Vers wegen des Wortes „Koschet.“ Man kennt diese Wortklaubereien und peripathetischen Spitzfindigkeiten der Kalmudisten. Koschet heißt Wahrheit, aber die Auslegungsbeflissenen schoben den Sinn unter: Du verleihest deinen Auserlesenen ein Panier, um damit zu glänzen ob Kossuth's Willen (sprich Koschut). Diese philologische Unrichtigkeit that dem Segen und seiner Bedeutung bei den Israeliten keinen Abbruch. Der aphelyer Rabbi hatte dem Knaben noch dazu eingeprägt, nicht feindlich zu sein gegen die armen Juden, und Ludwig Kossuth zeichnete sich sogar in der Schule durch Toleranz aus. Diese kleinen Züge und da er wirklich am Leben blieb, gaben den Worten des Rabbi noch mehr Gewicht. Als Ludwig Kossuth seine größere politische Wirksamkeit begann, äußerte er sich in liberalem Sinn über die Verhältnisse der Juden, und in der letzten Zeit suchten die frommen und gläubigen die bereits verschollene Anekdote wieder hervor, um an den Spruch eines ihrer Weisen die Hoffnung für die Zukunft zu knüpfen. Der erwähnte Psalm wurde in den Synagogen gebetet, und fand die spitzfindigsten Deutungen; schon das Finden des Wortes in der heiligen Schrift wurde als ein Zeichen Gottes angesehen. Kossuth aber, seiner Politik Alles opfernd, verschob die Anerkennung der Bürgerrechte der Juden immer auf spätere Berathungen, um nicht Antipathien rege zu machen, die seine Reihen entzweien konnten. Die Juden bluteten auf den ungar. Schlachtfeldern, Kossuth benutzte sie zu vielen Diensten, und selbst Einer seiner Geheimsekretäre war ein Jude; aber die Emanzipation wurde erst in Szegedin, als schon die Russen auf den Fersen waren, im Prinzip anerkannt. Die österreichische Regierung erkannte die Nothwendigkeit das gährende Element zu besänftigen. Stadion, der in Polen Gelegenheit hatte, die Rührigkeit und Zähigkeit der Juden kennen zu lernen, erkannte die fortdauernde Gefahr für Oesterreich, wenn diese an Geld und Geist reiche Menschenklasse wieder ins

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