Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1849)
- Date
- 1849-10-29
- Page
- Seite 620 (sequence 4)
- Language
- German
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620 sehr entferntes Ziel aufgestellt, die hier in Hamburg fast ohne Ausnahme seit vielen Jahren vollständig ausgeführt sind. Der orthodoxe Gottesdienst unserer Hauptsowol als Nebensynagogen kennt das dort angeführte Schreien, Schwatzen, Hin- und Herlaufen rc., wenn nicht etwa vereinzelte Ungezogenheiten Vorfällen, durchaus nicht. Die Borsanger, obwol durchgängig keine Herren ihres Fachs, Iriliriliriren nicht mehr, als der herkömmliche Vortrag, der einmal das bei anderen Arten sigurirten Gesanges übliche Wiederholen von Silben, Wörtern und Sätzen nicht gestattet, zur Ausfüllung des Rhythmus unabweislich erfordert. In den Hauptsynagogen werden keine Mizwot versteigert, und wenn auch kein Chor eingeführt ist, so geschieht doch das Einsetzen und Schließen der Gemeinde möglichst gleichzeitig. (We-haju ke-Echad. 2 Chron. 5, 13.) Uebrigens ist wohl zu bedenken, daß die wahre Kraft des öffentlichen Synagogenkultus nicht so sehr in dem vornehmen Sabbats- und Festtagsdienste liegt, als in den anspruchslosen aber in der Regel innigen Alltags-Betversammlungen. Dem sei indeß wie ihm wolle: wir haben hier eine ganz bedeutende und anwachsende Zahl junge Männer von Bildung und Aufklärung, die mit aller Wärme an dem System der Synagoge in ölillrasclr und, was die Hauptsache, in Maaseh hängen, und auch die weit überwiegende Volksmenge findet da die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse. Jene jüngeren Orthodoxen aber besitzen die Resignation, sich um des unendlich vielen Guten willen' auch die Lasten des alten Systems gefallen zu lassen. Andererseits hat unser hiesiger Tempel durchaus nicht das von langweiligem Stillschweigen umgebene spanische Etikettenwesen, das jener Artikel an dem reformirten Kultus rügt. Vielmehr ist die Gemeinde dort hinlänglich beschäftigt mit deutschen sowol als ebräischen Chorälen, Gesängen und Responsorien; der Einzelne ist durchaus nicht untergegangen in der Gesammtheit, im Gegentheil fühlt jeder seine eigene Nothwendigkeit zur Verstärkung des Ganzen. Die der Reihe nach umgehenden Aliot so wie das Kaddischlesen des Leidtragenden und Jahrzeitsfeiernden werden als ein Recht und als eine Pflicht festgehalten und befördern die Theilnahme. Wer nur einen Jom Kippur im hiesigen Tempel zugebracht hat, wo ein 12ftündiger ununterbrochener Gottesdienst, wie Abends vorher ein 3'Mündiger, die ganze zahlreiche Gemeinde fortwährend in Wärme und Beschäftigung erhält, so daß — wenn nicht etwa während einer mißlungenen Predigt — von Langeweile überall keine Rede ist, der muß es schwer begreifen, warum nicht alle Reformsynagogen diesen in seiner Art vollkommen bewährten Kultus, der eine 3lljährige Dauer für sich hat, adoptiren; zumal da die Gemeinden doch nun insgesammt um das große Geheimniß wissen, daß es keinen absolut vernünftigen Kultus geben kann, und moderne Pfäfferei, Rechthaberei und Selbstgefälligkeit zu dem kläglichen Geständniß gelangen, daß es mit der gerühmten Konsequenz in solchen Dingen doch nicht gehe. Auch hier ist die merkwürdige Erfahrung keine Seltenheit, daß die ganz jungen Leute viel mehr Anhänglichkeit und Interesse für die alten Formen zeigen als man voraussetzen möchte, und eine bedeutende Verminderung der ebräischen Gebete würde von dieser Seite eine starke Opposition finden. Jener Artikel von der Saale spricht auch die unbestreitbare Wahrheit aus, daß sowol was Choralmelodieen als Predigtformen betrifft, die Reformjuden sich die unpassendsten aller Muster, nämlich die deutschprotestantischen gewählt haben. Dieser Mißgriff ist leicht erklärbar mit dem Drang der ersten Periode, wo cs wirklich galt, den Nachbaren eiligst zu zeigen, man besitze auch seidene Fenstergardinen, und es daher mit dem angemessensten Schnitt nicht so genau nehmen konnte. Doch scheint es, man komme, was die Musik betrifft, jetzt überall mehr und mehr auf den rechten Weg und bilde sich mehr schwunghafte, freudige, cigenthümliche Melodieen, wobei die Sulzerschen zwar vorleuchten, doch mit manchen anderen Einrichtungen den Mangel theilen, die Kräfte der vielen kleinen Landgemeinden zu übersteigen. Hier dürften die, auch vom hiesigen Tempel adoptirten, alten portugiesischen Melodieen ein gutes Vorbild geben. Was jedoch die Predigten betrifft, so dürfte der Fingerzeig gerade in den Worten Derascha — Forschung, gegenüber dem Worte Predigt — Verkündigung liegen. Der christliche Prediger redet im Namen des heiligen Geistes, sein Mund ist das Ventil, durch welches die Verkündigungen dieses Geistes in die Welt strömen. Und so verkündigt er denn die gute Botschaft, daß die Herrschaft des Gesetzes abgethan sei, daß Glaube, Liebe, Hoffnung allein hinreichen rc. Anders aber der jüdische Redner. Dieser hat nichts Neues zu verkündigen, überhaupt Nichts im eigenen Namen zu berichten: seine Aufgabe besteht vielmehr