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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-10-29 · Heft 44 (29.10.1849) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 44 (29.10.1849)
Date
1849-10-29
Page
Seite 619 (sequence 3)
Language
German
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619 ohne sich selbst Gefahren zu bereiten, daß sie keiner geistigen Kraft, die in ihr vorhanden, den Wirkungskreis und Spielraum gewaltsam abschneiden darf, ohne wider sich zu wenden, was mit ihr und für sie segensreich wirken könnte. Möchte diese Lehre von den herrschenden Gewalten erkannt sein, und allseitig bethätigt werden! Wir hatten dann die Verwirklichung der Gleichstellung auch für die Juden nicht zu bezweifeln. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hamburg, im Oktober. (Privatmitth.) Wer geglaubt haben mag, die Juden würden nach erlangter bürgerlicher Gleichstellung ihre Religiosität an den Nagel hangen, der hat sich, wenigstens bis jetzt, bedeutend verrechnet. Wol kaum sind je in Synagogen und im Tempel, in Klausen und in Minjanim die Feiertage unter solchem Zulauf und mit größerm Eifer begangen worden, als diesmal. Ein mächtiges Gefühl hatte beim Eintritt besonders diejenigen ergriffen, die den Gottesdienst seltener besuchen; es war das Gefühl, hier Etwas zu finden, das fest steht, das dem Wandel nicht ausgesetzt ist, wo sonst Alles, Alles wankt. Und allerdings, das Neujahr mit seinen Erregungen, mit seinen uralten Gebeten, mit seinen einst von Berg zu Berg, von Zinne zu Zinne schallenden Hvrnsignalen; der Versöhnungstag mit seinen unveränderlich dem Menschenherzen entsprechenden Bekenntnissen, sie erzeugten dies befriedigende Gefühl im hohen Grade, und freudig erfaßte diese feststehenden Säulen gerade der am Innigsten, der am Meisten von jenem Wandel schmerzlich empfunden hatte. Die Synagoge freilich empfindet eine große Lücke in dem unbesetzten Rabbinatsstuhl; diese erscheint jedoch, was den öffentlichen Kultus betrifft, unter etwa 50 demselben geweihten größeren und kleineren Instituten, nur in einer einzigen, da die Hauptsynagoge an die Predigten des sel. Bernays und an den größeren Feiertagen auch daran nicht, gewöhnt war. Der Tempel hat eine Verbesserung seiner einigermaßen bedenklichen Finanzverhaltnisse erfahren, indem Karl Heine ihm die aus seines Vaters Nachlaß an ihn gelangten Tempelbau-Aktien, 20 zu B. M. 1000 an der Zahl, schenkte, wodurch nun von den ausgestellten 100 Aktien bereits 36 annullirt sind und mithin eine Summe von B. Mk. 36,000 weniger zu verzinsen (2 pCt.) ist. Außerdem traten eine nicht unbeträchtliche Zahl neuer Mitglieder ein, so daß der Ertrag der Stellenmiethe sich um etwa 300 Mark vermehrt hat. Es ist nunmehr nicht die Geldangelegenheit, sondern eine andere Gefahr, die sich am Horizont erhebt und etwas Sorgen verursacht. Wir haben hier nämlich eine freie christliche Gemeinde, deren Prediger Weigelt zwar nicht zum Chrysoftomus geboren ist, der aber doch durchschnittlich aus dem alten Testamente so predigt, wie ein jüdischer Prediger eigentlich predigen sollte, und das am Sonntag. Nun zeigt es sich aber, daß ein sehr großer Theil jüngerer jüdischer Damen, aus orthodoxen sowol als frei lebenden Familien, sich dahin gewöhnen, und theils als Mitglieder, theils als Hospitantinnen regelmäßig jenen Predigten beiwohnen. Der Reiz der Neuheit, der unbeschäftigte Sonntag, das Zusammentreffen mit Christen, das Hervorthun, alle diese Momente begegnen einander, um den Zufluß zu vermehren, zumal der Ein- und Wiederaustritt bei der freien Gemeinde an gar keine Zeremonieen geknüpft ist, sondern eine einfache Erklärung hinreicht. Es wird sich in einigen Jahren zeigen müssen, welche Eroberungen diese neue Macht bei uns machen wird, und das hängt nach meiner Meinung davon ab, ob der vermöge der llebermacht der täglich anschwellenden Reaktion uns bevorstehende Wiederverlust der einstweiligen Scheingleichstellung zur Stärkung des jüdischen Selbstgefühls beitragen, uns mithin zum Ausharren ermuthigen wird, oder ob eine große Anzahl von Juden jenes Scheinchristenthum als Zufluchtsort vor der hereinbrechenden Unterdrückung benutzen wird. Der Einwurf, daß die Reaktion auch die freien Gemeinden treffen wird, trifft nicht zu, denn dies ist ein anderer Fall, die ungefähr gleichstark gerüstete Stellung der beiden christlichen Hauptkonfessionen macht ein kleines neutrales Gebiet fast zum allseitigen Bedürfniß, wie sich das ja auch bei den Zivilehen zeigte. Indessen dürfte der hier angedeutete Moment wol derjenige sein, wo das jüdische Gemeindewesen in Deutschland geordnet wird. Diese Betrachtung bringt mich aus die Angelegenheit des jüdischen Kultus im Allgemeinen. In dem Artikel „von der Saale" in No. 37 dieser Zeitung findet sich eine Reihe von Desideraten in Betreff des öffentlichen Gottesdienstes als ein zu erstrebendes, noch

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