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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-10-29 · Heft 44 (29.10.1849) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 44 (29.10.1849)
Date
1849-10-29
Page
Seite 618 (sequence 2)
Language
German
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618 mäßigten Nachweisen — es half Nichts, man schrieb den Juden ein Besonderes zu. Daraus geht denn nichts Anderes hervor, als daß die Welt sie so ansehen will, und wir können es daher auch thun. Nun, und was zeigte sich da? Wenn Ihr bei jeder Gelegenheit die Juden hervorhobet, und theits schimpfend, theils verwundert ein Urtheil fälltet, so beweist dies wenigstens: daß sich dieJudenin derjüngstenZeit hervorgethan haben. Ihr sagt, nach einer Richtung, wir sagen, nach alten politischen Richtungen hin, von der äußersten rochen bis zur äußersten schwarzen, die Thatsache ist, worin wir Beide übereinstimmen: daß sie sich hervorgethan haben. Und worin? Zuerst an Talent. Kaum daß es ein Städtchen giebt, worin zehn Juden wohnen, und es war Bewegung, Leben, Theilnahme da, daß unter denen, welche sich zu Führern aufschwangen, welche aus der Menge mehr oder weniger hervortcaten, nicht ein Jude gewesen. Nur mögt Ihr dies für recht oder unrecht ausschreien, mögt darüber urtheilen, wie Ihr wollt, es konnte doch nicht geschehen ohne Talent. Wo war eine Versammlung von Volksvertretern, wo nicht ein Jude darunter und öfter ein hervorragende Stellung eingenommen? Also, es zeigte sich in diesem Stamme eine Fülle an Talent, die Ihr ihm nicht abspcechen könnet. Neben diesem Talent bewahrte sich aber auch — Gesinnung, und dies ist noch mehr werth, Konsequenz, Entschiedenheit. Ihr könnt keinen Juden aufweisen, der von der Partei, die er von Beginn an ergriffen, abgefallen wäre. O, man hatte dies gern gethan. Wie gern hätten gewisse Blatter jubelnd, höhnisch frohlockend auf die Juden, als die Liebediener aller Parteien, als die Schmeichler jeder siegreichen Partei, hingewiesen. Nahm doch z. B. die Voss. Ztg. schon einen Anlauf dazu — aber es gelang ihr nicht, sie mußte bald aufhören, sie hatte keine Thatsachen anzuführen. Vielmehr wäre das Gegentheil zu erweisen. Und endlich zeigte sich diese Gesinnung entschieden als eine sittliche Gesinnung. Unter den Männern, über welche das Strafschwert geschwungen worden, finden sich verhältnißmäßig wenig Juden. Warum? Die, welche in blindem Haffe auf die Juden loszufahren gewohnt sind, werden sagen: die Juden sind listig, sie haben sich herauszuziehen gewußt. Es wäre dies eine neue Lüge. Ihr kennet den Juden nicht; der Jude ist enthusiastisch, und der Enthusiasmus kennt die listige Selbstsucht nicht. Aber die Gesinnung des Juden ist eine sittliche, er ist kein Anhänger des Schwertes, des wilden Aufruhrs; die Jahrtausende haben ihn gelehrt, daß nur der Geist die Macht ist, durch welche wahrhaft Etwas erobert wird; diese Macht des Geistes übt er mit aller Kraft und Hingebung; an der Grenze, wo diese aufhört, wo sie vergeblich zu wirken sucht, da kehrt er uw; denn jenseits derselben liegt nur Trübsal, Vernichtung von Millionen und ihrem Glücke, Zerstörung, Verwüstung. Und nun, wenn wir, bei vorurtheilslosem, aber der Wahrheit zugänglichem Erwägen zu diesem thatsächlichen Resultate gekommen sind: so schauen wir rückwärts. Bedenken wir, was für anderthalb Jahrtausende der jüdische Stamm durchlebt hat! Welche Zerstreuung, welche Ausstoßung, welche Verfolgung — und, was noch mehr heißen will: welche Unterdrückung, welche Erniedrigung, welche Verhöhnung — und, was das Meiste sagen will: welche geistige Knechtung, welche Entfernung von aller geistigen Kultur, welch' systematisches Hinstoßen zu entsittlichendem Erwerbe, zu entwürdigendem Lebenswege! Und doch eine Fülle von Talent, Charakter, Konsequenz, kurz sittlicher Gesinnung! Fürwahr, das ist ein Gegenstand der Bewunderung, eine Rathselaufgabe für den Psychologen! Es ist also nicht gelungen, diesen Stamm zu verdumpfen und zu entsittlichen; während man ihn fern hielt von aller geistigen Bewegung, hielt er in sich sein geistiges Leben in stetem Fluffe; gerade womit man ihn zu erdrücken trachtete, seine gesellschaftliche Stellung, das wetzte seinen Scharfsinn, seine Erfindungsgabe, seine Gewandtheit. Fürwahr, es ist dies eine Erfahrung für die gesammte Menschheit! Mag man es nun nehmen, wie man wolle, leugnen wird es Niemand können, daß die Juden im großen Ganzen durch die verflossenen Jahre sich eine neue Achtung in der Welt gewonnen, daß sie sich ihr bewährt haben« Sie haben gezeigt, daß sie der bürgerlichen Gleichstellung, der vollen Theilnahme am Leben der Gesellschaft, die man so lange für sie beanspruchte, werth sind, ja, gewisse Parteien werden zu der Ueberzeugung gekommen sein, daß es gefährlich ist, sie fernerhin aus der Gesellschaft gewaltsam, also widerrechtlich, herauszustoßen und fern zu halten, daß es vielmehr von der höchsten Wichtigkeit ist, das geistige Ferment, das in ihnen vorhanden, in alle Schichten und Sphären des gesellschaftlichen Lebens hineinzuleiten, um da befruchtend zu wirken, und es nicht gewaltsam zur Opposition, zur Zersetzung, zum Kampfe zu treiben. Es ist ein altes Gesetz in der Menschheit, ein Naturgesetz, daß die Gesellschaft keine geistige Kraft, die in ihr vorhanden ist, unbenutzt lassen darf,

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