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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-10-22 · Heft 43 (22.10.1849) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 43 (22.10.1849)
Date
1849-10-22
Page
Seite 606 (sequence 2)
Language
German
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606 Geist doch nur Eines, und an der Bildung desselben nimmt der ganze nach allen seinen Kräften Theil, wenn auch nach dieser oder jener Richtung vorwiegend. Ebenso: die Thätigkeit des Geistes hat allerdings sehr verschiedene Gebiete, aber die Entwickelung desselben ist doch eine einheitliche, und zeigt überall denselben Charakter. Blicken wir tiefer in die Lage der religiösen Verhältnisse, begegnen wir nicht da denselben Erscheinungen? Auch hier jene stabile orthodoxe Partei, die, je mehr die Jugend heranwachst, desto mehr an Terran verliert; ihr gegenüber eine radikale Partei, die über alle positive Religion hinausgeeilt ist; und in der Mitte eine große Masse, ohne Halt, ohne Feuer, ohne Begeisterung zu schaffen! Die Zeit allmäligec Umbildung vielfach verloren und vorüber, und zu schaffen, zu schaffen kein Trieb, kein Drang! So steht es, wenn man keine Illusionen liebt, wenn man nicht gern in Selbsttäuschung sich verliert. Es liegen Jahre hinter uns, die zu positiven Schöpfungen, zu Anstalten und lebendiger Bethätigung ganz angethan waren. Sie sind nicht benutzt worden. Die Stimmen, die dazu aufriefen, verhallten. Jetzt ernten wir. Jetzt liegen Jahre des Vegetirens, des Auflösens, der Ohnmacht vor uns, die schwer zu überwinden sein werden.... Im Vollgefühl dieser Wirklichkeit kömmt uns wol öfter die Frage heran: geht es abwärts mit dem europäischen Geiste? ist abermals eine Zeit gekommen, wie die des Verfalls des römischen Reiches, wo die Kraft und Energie des Geistes in den zivilistrten Nationen immer mehr abnahmen, bis sie gänzlich erloschen? Oder ist es eine jener Zeiten des Uebergangs, wo nach konvulsivischen Zuckungen eine Erschlaffung, eine Erstarrung eintritt, aus der der Menschengeist sich nur aufraffen kann nach langer Zeit, und wenn ein neues Geschlecht das alte, abgenutzte ersetzt hat? Wie man auch diese Frage hin- und herrollt, und die Zeichen der Zeit ermißt und erwägt, wie man auch einerseits die Resultate überschaut, andern Theils die Kurzsichtigkeit des Menschen und sein Hangen am Augenblick bedenkt — sie laßt sich nicht entscheiden, es läßt sich darüber keine Ueberzeugung gewinnen-wir können Nichts, als unseren Enkeln unfern Zeitpunkt bezeichnen als einen solchen: wo wir so frugen! daß wir eine solche Frage hatten und wußten. Die alte Wirklichkeit ist zerrissen, und das Reich der Ideale ist zertrümmert. Wir stehen in der Mitte, und haben keinen Boden. Indem wir diesen Ton anschlagen, wissen wir, daß es leicht keine Zeit gegeben, in der dieser so vielen Wiederhall und Verständniß finden mochte. Es ist nicht der Ton der kalten Reflexion, es ist der Ton der, vom bewegten Gemüthe durchdrungenen Verständigkeit. Und diese findet gerade das Rechte, fühlt es heraus, und vermag es kund zu geben. Es ist keine weinerliche Sentimentalität, die darüber sich entzündet, daß es nicht so geworden, wie sie es sich geträumt; denn es ist Bewußtsein aller vorhandenen Richtungen. Es ist nur der Schmerz, daß überhaupt Nichts wird, und bei der zeitlichen Beschaffenheit der Dinge Nichts werden kann. Ja, es ist das alte Geschick der Menschheit: nur mit großen Wehen zu gebaren — und der Prophet sprach einmal: rvn ■mb"' 122 iribn imn — „wir waren schwanger, wir kreisten, da wir gebaren, war es — Wind!" Ist es also auch um das Kreisen der Menschheit in unfern Tagen? Dies ist die Frage. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Dessau, 14. Oktober. (Privatmitth.) So wie überall durch die Revolution in den israelitischen Angelegenheiten in Kultus und Schule eine neue Gestaltung sich zeigte, so hat sich auch hier so Manches geändert, welches in diesem Blatte näher besprochen zu werden verdient. Die israelitische Gemeinde hat sich zu einer sogenannten Kultusgemeinde konstituirt, und geht endlich damit um, den Gottesdienst zu resormiren. Eine besondere Armenkasse existirt nicht mehr, vielmehr ist Solche mit der der christlichen Gemeinde vereinigt, wie das nach unseren Institutionen nicht anders der Fall sein kann. Ebenso hat die Kultusgemeinde eine Religionsschule in's Leben gerufen, die vor der Hand noch provisorisch durch den Lehrer Arnheim geleitet wird. Man kann wol sagen, daß ein neues Leben in diesen Kultusangelegenheiten sich zeigt, das aber leider durch die Armulh der Mitglieder sehr bald wieder in Gleichgiltigkeit ausarten wird. Die wichtigste und freudigste Veränderung aber ist die, welche bei der Franzschule nach ihrem 50jährigen Bestehen, nach den vielen Angriffen und Verleumdungen von denen, die ihr Brod dieser Anstalt zu verdanken hatten, sich zeigte. Es wird mir vielleicht

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