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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-10-08 · Heft 41 (8.10.1849) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 41 (8.10.1849)
Date
1849-10-08
Page
Seite 580 (sequence 8)
Language
German
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580 Erfahrungen gemacht in letzter Zeit mit den „Ereignissen". Da war die Nationalversammlung von 1848 auch ein Ereigniß, das kaum rückgängig gemacht werden konnte und doch ist es gegangen und der „passive Widerstand" sollte uns heute lehren, thätig zu sein und das, was kaum rückgängig gemacht werden kann, dennoch rückgängig zu machen. Der Staat darf sich nur von den Ideen des Rechts und der Ehre leiten lassen, nicht von Ereignissen, die kaum rückgängig gemacht werden können. Wenn ich aber weiter frage, wie diese Sätze, die uns hier vorliegen, denn dazu kommen, unter die Ereignisse gezählt zu werden — o dann wird wiederum auf die Märzverheißungen hingewiesen, als wenn wir, meine Herren, daran gebunden wären. Wir, die wir den ganzen Staat umgestalten, denen kein Gesetz so tief, so heilig ist, um es nicht mit der Wurzel ausreißen zu können. Ist denn, frage ich, der März und April 1848 grade eine so privilegirte Zeit, daß nur an ihr unsere Gesetzgebermacht erlahmt, daß sic ungestraft der Nation ihr Theuerstes rauben darf? Man hat es mir verübelt, daß ich einst hier gesagt: Preußen sei gefallen. Und es war auch gefallen, gefallen wie 1806, aber es hat gehandelt, wie damals, cs hat seinen Fall bekannt, bereut und ist wieder aufgestanden. Es überfällt mich ein tiefes Gefühl von Scham und Unmuth, wenn ich an jene Märztage zurückdenke und wenn ich glaube, daß Mancher von Ihnen dies Gefühl theilt, so wünschte ich, er hätte auch den Muth, es hier laut zu bekennen. Aus dem wüsten Gewirr des damaligen Thuns und Treibens tauchten einzelne Stimmen hervor, welche jene Zusicherungen forderten, die ihnen auch theilweise gewährt wurden, Zusicherungen und Verheißungen, wie sie die Feinde Preußens ihm nicht besser wünschen konnten. Das ist die Geschichte der Märzverheißungen. Sollen wir nun noch einen 19. März erleben, noch einmal als Sieger nicht nur das Schloß, nicht nur die Hauptstadt, wie es die Truppen gethan, nachdem sie gesiegt hatten, nein! selber das Herz der Nation verlassen? Wir können nicht an Verheißungen gebunden sein, ich wiederhole es, die höher stehen sollen, als alles andere Recht. Sehen wir uns nun den Inhalt näher an, so finden wir ihn kurz so gefaßt: Geistliche sollen Privatpersonen, Schullehrer Staatsdiener werden und der Staat maßt in dem Augenblicke, wo er die höchste Wahrheit, die einzige, auf der auch die Staatsgewalten beruhen, nicht zu kennen proklamirt, sich die Aufsicht über die Schule an, die also fortan ein Abbild werden soll der wechselnden Meinungen der Zeit, der Niederlagen und der Siege der Parteien. Die Kirche geleitet den Menschen von der Wiege zum Grabe, sie stellt jene erhabene, jene einzig wahre Gleichheit dar, die den König dem Bettler verbindet — das hört dann auf, jene bedeutungsvollen Akte werden Modesache, der Zeitlaune unterworfen. Jetzt feiert die Kirche die Geburten und Tode unserer Könige, die Siege unserer Heere, die Jahrestage des Ruhms unserer Väter, sie tritt weihend in die Gerichtshöfe, in die Universitäten, in das bürgerliche Alltagsleben, selbst in der Feier des Sonntags, von der selbst die republikanischen Amerikaner sagen, daß sie die Grundlage ihrer gesammten bürgerlichen Freiheit sei — das wird dann anders werden. Wir werden uns fragen müssen, wenn wir ferne einen Thurm sehen, ob er zu einer christlichen Kirche weise oder zu einer Atheistenschule, die vielleicht statt des Kreuzes sogar eine rothe Hahnenfeder hinaufgesteckt hat. Dann wird der Staat Preisaufgabcn stellen für den besten Beweis, daß kein Gott sei und Schillers Wehmuth wird gestillt sein, mit der er sang: Als man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathusia! Man sagt da vielleicht, jene Konsequenzen werden nicht alle eintreten — das glaube ich auch; aber das weiß ich auch, daß mit jenen Artikeln eine allgemeine Zerrüttung aller menschlichen Verhältnisse kommen muß und eine gewaltige Fluth von Gottlosigkeit über das Land strömen wird. Der konstitutionelle Staat ist mehr und in höherem Grade Person, als irgend ein anderer, also muß er in einem Verhältniß zu Gott stehen, er muß selbst eine Religion haben. Neutral zu sein, ist hier nicht möglich oder es kommt, wie der radikale Vogt von Gießen offen und richtig gesagt; es kommt nicht auf die Trennung des Staats von der Kirche an, es kommt nur auf die Vernichtung der Letztem selbst an. Freilich sagen Sie, nur die Religionsgesellschaften sollten geduldet werden, die Nichts gegen die Gesetze des Staates thäten — wohl, aber auf welcher Basis sollen denn die Gesetze selbst ruhn, wenn nicht auf einer christlichen? Oder soll's der Pantheismus unserer Tage sein, wie er bereits vorgeschritten zur Emanzipation der Weiber, zur Emanzipation des Eigenthums? Selbst Gewissensfreiheit, die Sie doch damit nur zu schützen meinen, selbst diese setzt Religion voraus, denn

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