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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-10-08 · Heft 41 (8.10.1849) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 41 (8.10.1849)
Date
1849-10-08
Page
Seite 576 (sequence 4)
Language
German
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576 stens Kennzeichen des Bekenntnisses blieben. Aus ältester Zeit hatte sich auch der Wahn durch die Zeiten gezogen, als ob Gott bestimmte Formen fordere vom Menschen, damit er ihm damit diene, daß er ihm damit einen Gefallen erzeuge, daß er Gott damit versöhne, ja ihn beschwichtige für moralische Gebrechen und Sünden, so daß Gott darüber sein allsehendes Richterauge zudrücke — darum wurden diese Formen geübt, als auch keine Erkenntniß, keine Gerechtigkeit und Liebe mehr darin wohnten. Dies sehen wir auch in Israel wiederholt; jener erhabene Opferkultus, den Mosche einsetzte mit tief innerlicher Bedeutung zur Läuterung, zur Sühne und zum Danke, wie spricht sich schon Schemuel, wie Jeschaja, Jirmeja, wie Hiob, David gegen ihn aus, da er zur bloßen Form, zum Deckmantel des Luges und Truges geworden; ja selbst das Gebet, auf dessen Schwingen die Seele sich zu Gott erheben soll, wie rufet Jeschaja schon uns zu: „Dieses Volk, mit dem Munde nähert es sich mir, mit seinen Lippen ehren sie mich, aber sein Herz halt es fern von mir" (29, 13.), wie warnt schon Schelomo: „dein Herz übereile sich nicht, ein Wort vor Gott auszusprechen — laß deiner Worte wenig, sein!" (Pred. 5, 1.) Und ferner, weil die Satzung, die Zeremonie nur der äußere Träger des religiösen Gedankens ist, und die Menschen in ihrer Entwickelung in den Jahrhunderten zu anderen Bedürfnissen, anderm Geschmack, anderer Ausdrucksweise gelangen, darum können diese Formen nickt in derselben Weise den Geistern Zusagen, sondern sie fordern andere Formen in anderen Zeiten. Und da bleiben nun dieselben Formen, die nicht mehr ansprechen, dieselbe Ausdrucksweise, die nicht mehr zusagt, aus der Vergangenheit drückend auf der Gegenwart liegen. Und sahen wir nicht dieses auch in Israel? Wie ist der Tempeldienst in die ursprünglich einfache Synagoge, und diese in die unendlich ausgearbeitete und vereinfachte Synagoge übergegangen! Und endlich, weil, wie es sich nicht verkennen laßt, der Geist immer entwickelter wird in den Menschen, ein immer denkenderer, feinerer, darum verlangt er eine verringerte, vereinfachte und wechselnde Form, sie ermüdet ihn, wenn sie ihn in weitem Umfang fesseln will, sie stößt ihn ab, wenn sie immerfort dieselbe Erscheinung bietet. So ist es also gekommen, daß während Satzung, Zeremonie, Gottesdienst den höchsten, erhabensten Zweck rr«d Inhalt haben, wahrend sie tief aus den Bedürfnissen des Menschen quillen, und endlich gar nicht entbehrt werden können, dennoch einerseits inhalts- und zwecklos wurden, andererseits eine todte Formheiligung, und drittens ein drückendes Joch, das auf den Schultern der nachfolgenden Jahrhunderte liegt. Sehet, all dies spricht der Prophet vor altergrauer Zeit schon aus. Er stellet ein Dreifaches auf: 1) die asketische Uebung der Zeremonieen ohne religiös-moralischen Inhalt, 2) die Ausübung der höchsten religiös-moralischen Vorschriften, 3) die Heiligung des Geistes und Gemüthes durch die Religion. Die Erstere verwirft er, sie ist Gott nicht wohlgefällig; die Zweite stellt er als die religiöse Grundlage des ganzen Lebens fest; die Dritte als die Erhebung und Gipfelung des geistigen und gemüthlichen Lebens. Während wir aber die zweite üben sollen in That und Werk unsers Lebens, so sollen wir uns die dritte zu eigen machen innerhalb derSatzung der Religion. Welch ein verwerfliches Bild stellt er von denen auf, die ihr Haupt hängen lassen wie Schilf, aber bei Hader und Streit, bei frevelen Händen und Unbarmherzigkeit. Aber welch ein erhebendes Bild stellt er von denen auf, die da den Ruhetag heiligen voll Wonne, sich des weltlichen Erwerbes, des eiteln Geschwatzes enthalten, sondern erhoben und beseligt an Gott hangen. Ja, er verwirft die, die da einen Knechtesdienst machen aus der Religion, aber er verwirft auch die, welche sich der Religion entschlagen, und sich allein stützen auf ihr leeres, bewegliches Wesen ohne Halt und 'Haltung. Und so will er die Satzung, die Zeremonie zurückführen zu dem, woraus sie gequollen, zur Erkenntniß und Gerechtigkeit, zur Heiligung und Herzenslauter rung, in edelster Einfachheit und Würde. Und was hätten wir nun aus allem dem gewonnen, meine Freunde? Wir haben erkannt einerseits, daß die Religion nicht ohne Satzung, Zeremonie und Form sein könne, ja daß sie ohne diese ihre wesentlichste Einwirkung verlöre, herauszureißen den Menschen aus so nichtigem materiellen Leben und aus dem Treiben seiner Leidenschaften und ihn über sich selbst zu erheben. Aber auch andererseits, daß die Satzung und Zeremonie nie bloße Form fein darf, daß sie all ihren Zweck verliert, wenn sie diese Einwirkung nicht mehr zu üben vermag, daß sie daher niemals als ein Dienst zu betrachten, der Gotte geschehe, daß sie in den sich verändernden Zeiten sich verändern müsse, daß sie bei der fortschreitenden Ent-

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